{ laboratorium für geschichte }

laboratorium für geschichte

Die Metapher vom Terror und Traum. Karl Schlögel ein intellektueller Strandgutsammler?

Analysen | | von Alexander Kraus

  1. Niklas Maak, Der Architekt am Strand. Le Corbusier und das Geheimnis der Seeschnecke, München 2010, S. 152.
  2. Ebd., S. 150.

Terror und Traum. Moskau 1937 Le Corbusier, Architekt der "Wohnmaschine" und Vertreter einer technokratisch-mechanistischen Moderne, war ein leidenschaftlicher Sammler von Muscheln und Krebspanzern. Von kaum einem Strandspaziergang - so Niklas Maak in seinem inspirierenden Buch Der Architekt am Strand - kam er ohne ein weiteres Fundstück für seine rasch wachsende Sammlung zurück. Mit seinen Buchlektüren und Relektüren verhielt es sich nicht anders: Auch diese funktionierten als eine Art "intellektuelle Strandgutsammlung" - rätselhafte Worte und funkelnde Begriffe wurden aufgelesen und zum "Ausgangspunkt eigener Ideen und Formen".1 Missinterpretationen, falsche Kontextualisierungen und Umdeutungen waren ohne Belang, folgte er doch auch in diesem Punkt seiner Inspirationsquelle Paul Valery dahingehend, dass "jede bewusste Wiederaufnahme einer Idee sie zu einer neuen Idee mache".2 Was hat das aber mit dem Osteuropahistoriker Karl Schlögel und seinem Buch Terror und Traum zu tun? Möglicherweise nichts. Vielleicht aber auch sehr viel.

  1. Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008, S. 23, 24.
  2. Ebd., S. 29.

In Schlögels preisgekröntem Buch versucht er in einer Art "stereoskopische[m] Rundumblick" die Extreme des Jahres 1937 - von den Moskauer Schauprozessen bis zur Eröffnung des Gorki-Kultur- und Erholungsparks - zu bündeln. Jede einzelne Momentaufnahme des großen Terrors wie des gelebten Traums verdichten sich über das additive Verfahren zu einem immer klareren Bild. Sein Vorgehen, das Ergebnis einer langen Suche nach einem "Narrativ der Gleichzeitigkeit",3 bringt den bewussten Verzicht auf die alles zusammenhaltende These mit sich. Ziel dieser aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive nicht unbedenklichen Methode ist das Zusammenführen zweier sich mehr und mehr auseinander bewegenden Forschungsrichtungen: einer ersten, die den Stalinismus "nur als Problem totaler Herrschaft" auffasse, wie einer zweiten, die ihn lediglich aus sozialgeschichtlicher Perspektive untersuche.4 Schlögel wehrt sich gegen diese Isolierungstendenzen und -techniken, die einzelne Momente und Erfahrungsräume voneinander lösen, herausfiltern aus dem eigentlichen Ineinander von Terror und Traum, ihrer Synchronizität. Die Schattenseiten, der Terror, werden in der Einleitung klar benannt, die des Traums jedoch bleiben verhältnismäßig unpräzise. En passant Erwähnung finden die Unterhaltungs- und Kinoindustrie, die Geschichte des Alltags; konkreter wird es jedoch nicht. Im Buch selbst entfaltet sich diese Traumwelt als diejenige architektonischer Großpläne, des ästhetischen In-Szene-Setzens des Pavillons der UdSSR auf der Pariser Weltausstellung, der Jagd nach Triumphen und Rekorden in Sport und Wissenschaft, der Freizeitkultur und überhaupt der Welt der Kunst wie der Musik. Diese Welt war nicht weniger real als die des Terrors, und doch erscheint sie als eine Art Schein- oder Traumwelt im Angesicht des Exzesses, des Terrors und der ungebändigten Gewalt. Soweit, so gut. Wie aber wird nun Karl Schlögel zu einem intellektuellem Strandgutsammler?

  1. Reinhart Koselleck, "Terror und Traum. Methodologische Anmerkungen zu Zeiterfahrungen im Dritten Reich", in: Ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, 4. Aufl., Frankfurt/Main 2000, S. 278-299, hier S. 283.
  2. Seine Grundlage bildet der Band von Charlotte Beradt, Das Dritte Reich des Traumes, München 1966.
  3. Koselleck, Terror und Traum, S. 289 und 286.

Geht es aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive um Zeit und Raum, konkret um Methoden historischer Zeitbestimmung und -wahrnehmung, um historiographische Hürden der Standortbindung und Zeitlichkeit, so ist ein Blick in das Oeuvre Reinhart Kosellecks nie verkehrt. Warum ich das nicht schon im Kontext meiner Besprechung zu Terror und Traum getan habe, bleibt mir ein Rätsel. Nun hat Koselleck bereits in einem 1979 erstmals publizierten Text das Titelpaar Schlögels im Zusammenhang synchroner Zeiterfahrungen genutzt: Terror und Traum. Methodologische Anmerkungen zu Zeiterfahrungen im Dritten Reich. Ihm ging es indes darum, die historische Quellenlandschaft um Träume zu erweitern, die "von einer vergangenen Wirklichkeit zeugen, wie es vielleicht kaum eine andere Quelle zu leisten vermag".5 Nicht metaphorische Träume rücken bei Koselleck ins Zentrum des Interesses, sondern ganz reale, die in den frühen 1930er Jahren das, was noch kommen sollte, vorwegnahmen beziehungsweise antizipierten. Es geht um Träume mit prognostischem Gehalt.6 Historisch rationalisierter seien diese nur schwer, doch zeugen auch sie von einer "unentrinnbaren Faktizität des Fiktiven", waren Teil der geschichtlichen Wirklichkeit: "Die erzählten Träume haben exemplarischen Charakter für die Nischen des Alltags, in den die Wellen des Terrors eindringen."7 Für Koselleck sind diese Träume ex post verfassten Tagebucheintragungen oder Memoiren überlegen, stellen psychische Innenaufnahmen dar, die Opfer und Täter des Terrors in einen synchronen Zusammenhang setzen.

  1. Ebd., S. 294 und 297.
  2. Ebd., S. 296.

Für den Historiker wiederum sei das synchrone Erzählen besonders dann von Bedeutung, wenn die "Einmaligkeit und Einzigartigkeit" des Ereignisses betont werden soll.8 Denn die klassisch diachrone Erzählweise, das Begründungsverfahren ex post habe erhebliche, nicht von der Hand zu weisende Mängel: Kurze wie lange kausale Erklärungsketten haben "keine rational eindeutig aufweisbare Grenze [eines] möglichen Anfangs", es sei nicht klar, welche Gründe überhaupt für relevant erachtet werden, wodurch diesen eine gewisse Beliebigkeit anhafte. Zudem vermögen sie die Einmaligkeit und Wandelbarkeit der Geschichte nicht wirklich zu fassen. Denn in jeder historischen Situation sei eben "mehr und zugleich weniger enthalten […], als in den Vorgegebenheiten angelegt war".9 Das Neue in der Geschichte lasse sich kausal nicht erklären.

  1. Siehe dazu auch "Abenteuer des Lebens" - Karl Schlögel über die Vergegenwärtigung von Geschichte (Alexander Kraus/Walter Sperling), in: zeitenblicke 9, Nr. 2, (27.08.2010), <12>- <14>.

Auch Schlögel möchte den Stalinschen Terror des Jahres 1937 nicht kausal erklären. Erinnern wir uns nur kurz an seine Weigerung, die eine, alles fassende These für das Geschehene zu liefern. Kausal lassen sich die verschiedenen Handlungsstränge des Terrors wie des Traums - im Schlögelschen Sinne - nicht zusammen denken, sie fügen sich für ihn nicht zu einer diachron voranschreitenden Erzählung. Zugleich schimmert bei Koselleck eine Art Blaupause des Narrativs der Gleichzeitigkeit durch, die Schlögels Terror und Traum trägt. Sie zeigt auf, wie synchrone Zeiterfahrungen für das historische Erzählen genutzt werden können. Auf Kosellecks Aufsatz verweist Schlögel jedoch nicht. Es bleibt die Frage, ob die Parallelen zufällig sind oder wir es mit einem Fall intellektuellen Strandguts zu tun haben. Letzteres fände ich mit Blick auf die Schlögelsche lange Suche nach einem geeigneten Narrativ für sein Buch irgendwie charmant.10