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laboratorium für geschichte

Objektbiographien. Eine "Geschichte von Objekten auf ihrem Weg durch verschiedene Welten"

Analysen | | von Alexander Kraus

  1. In deutscher Übersetzung Neil MacGregor, Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten. Aus dem Englischen von Waltraud Götting, Andreas Wirthenson und Annabel Zettel, München 2011.
  2. Die Podcastreihe ist noch immer online abrufbar.
  3. Die Spielregeln zu diesem Projekt legte Mark Damazer fest, Intendant von Radio 4. Zitiert aus "Vorwort. Ein unmögliches Unterfangen", in: Ebd., S. 11f.

Geschichte der Welt in 100 Objekten Wie reizvoll und inspirierend die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Institutionen für die Geschichtsschreibung sein kann, hat das zurecht vielgelobte Gemeinschaftsprojekt des British Museum und des BBC-Senders Radio 4 A History of the World in 100 Objects gezeigt.1 Dies mag auch und vor allen Dingen an den veränderten Spielregeln gelegen haben: In der 2010 ausgestrahlten Sendereihe2 sollte die Weltgeschichte anhand der Bestände des Museums, das seine Pforten bereits 1759 für die Öffentlichkeit öffnete, über jeweils fünf Exponate aus zwanzig Themenfeldern erzählt werden: "Die Objekte mussten, wenn möglich einigermaßen ausgewogen, die gesamte Welt umfassen. Sie sollten so viele Aspekte menschlicher Erfahrung sichtbar machen, wie das praktisch möglich war, und uns ein umfassendes Bild von den Gesellschaften liefern, nicht nur von den Reichen und Mächtigen […]."3 Was das Team rund um die ausführende Hand des Direktors des British Museum, Neil MacGregor, geleistet hat, stellt auch aus geschichtstheoretischer Perspektive eine Herausforderung für die Historiographie dar.

  1. "Einleitung. Signale aus der Vergangenheit", in: Ebd., S. 13-27, hier S. 15.
  2. Ebd., S. 15
  3. Ebd., S. 16
  4. Ebd., S. 17.

Eine anhand von Dingen erzählte Geschichte der Welt gebe, so der Mastermind des Projekts, auch und gerade den Verlierern "ihre Stimme zurück"4 – insbesondere dann, wenn von ihren erst eroberten, dann meist zerstörten Gesellschaften allein Objekte überliefert sind. Auch wenn diese Form der Geschichtserzählung gewiss ausgewogener sei, als eine rein auf schriftliche Quellen gründende Geschichtsschreibung, erschließe sich uns das, was uns diese Stimmen erzählen, keineswegs einfach und unmittelbar. Neil MacGregor greift dafür auf eine im geschichtswissenschaftlichen Methodenrepertoire etwas antiquiert anmutende Zugangsweise zurück – die "Vorstellungskraft",5 die das sicherlich nicht unproblematische Moment der schöpferischen Fantasie des Wissenschaftlers offenlegt. Für die Arbeit mit Objekten indes sei jener intuitive Zugang, seien jene "Akte imaginärer Interpretation und Aneignung […] von essenzieller Bedeutung".6 In seinen Worten verdichtet, ja erhöht sich diese Art zu erzählen – stets gekoppelt an die klassischen Formen des Wissenserwerbs – zu einer aus erkenntnistheoretischer Perspektive zunächst einmal denkwürdig erscheinenden poetischen Rekonstruktion beziehungsweise Neuschöpfung: Da wir in der Arbeit mit Objekten immer wieder an die Grenzen gesicherter Erkenntnisse stoßen, bliebe keine andere Wahl als "nach einer anderen Art des Erkennens zu suchen, immer in dem Bewusstsein, dass die Objekte von Menschen hergestellt wurden, die im Grunde wie wir sind – also sollten wir in der Lage sein herauszufinden, warum die Menschen diese Gegenstände angefertigt haben und welchem Zweck sie dienten. Das ist mitunter vermutlich die beste Möglichkeit, um zu begreifen, worum es in der Welt großteils geht, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in unserer Zeit."7

  1. Ebd., S. 20.
  2. Ebd., S. 24.
  3. Marc Ferro, Geschichtsbilder. Wie die Vergangenheit vermittelt wird. Beispiele aus aller Welt, Frankfurt/New York 1991 [Paris 1981], S. 11.

Da es in den einzelnen Texten stets auch darum geht, wie sich die vorgestellten Objekte im Laufe der Geschichte veränderten oder bewusst eine Veränderung erfuhren und wie damit einhergehend auch ein Wandel auf ihrer Bedeutungsebene erfolgte, wäre der in der Einleitung kurz angedeutete alternative Buchtitel Geschichte von Objekten auf ihrem Weg durch verschiedene Welten sicherlich treffender gewesen.8 Die Ausführungen MacGregors zu diesen erstaunlichen Volten der Dingbiographien, die immer wieder zentral gestellt werden, erinnern dabei an Benedetto Groces Überlegungen aus dem frühen 20. Jahrhundert: Geschichte sei doch zumeist den Problemstellungen der eigenen Zeit weitaus höher verpflichtet als denen der bearbeiteten Epoche. Der Anspruch zu veranschaulichen, "wie unterschiedlich Geschichte aussieht, je nachdem, wer man ist und von wo aus man die Sache betrachtet",9 knüpft dabei auch an Marc Ferros Projekt der Geschichtsbilder aus den 1980er Jahren an: Unsere Vorstellung von Vergangenheit hänge oftmals mit den Geschichtsbildern zusammen, die uns in unserer Kindheit vermittelt würden. Sie seien, wie Ferro einleitend ausführt, nicht nur "für jeden verschieden, sondern unsere Erinnerung selbst ist zeitlichen Veränderungen unterworfen: In dem Maße, wie sich das Wissen und die Ideologien wie auch die Funktion der Geschichte in den einzelnen Gesellschaften ändern, wechseln solche Bilder".10

  1. MacGregor, Einleitung, S. 26.
  2. MacGregor, Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten, S. 649-654.

Der Museumsdirektor jedenfalls sieht die den Objekten innewohnende Geschichtenpluralität, die mit ihnen einhergehende Vielfalt an Deutungsmöglichkeiten, nicht als Problem, sondern als Chance – als Chance um über die Auseinandersetzung mit und Bewunderung von Objekten aus anderen Kulturen zu einem "besseren Verständnis der Welt" zu gelangen.11 Dass dies gelingen kann, liegt auch und nicht zuletzt an der Feder Neil MacGregors, der sich als ein meisterhafter Erzähler entpuppt. Wie sehr sich über die meist fünf bis acht Seiten langen Objektbiographien Weltgeschichte am Objekt verdichtet, ist schlichtweg beeindruckend, denn zumeist eröffnet nicht nur jeder neue Absatz, sondern jeder nächste Satz eine neue, tiefere Dimension der Objektgeschichte. Den berühmten Hawaiianischen Federhelm,12 der eng mit dem Tod Kapitän James Cooks verknüpft ist, beschreibt er – als "Ausblick auf eine neue und andere Welt" – wie folgt:

  1. Ebd., S. 650.
  2. Ebd., S. 652.

Federhelm Er eröffnet über eine detaillierte Objektbeschreibung, die mit Eindrücken zur Wirkung in unserer heutigen Zeit verwoben ist, greift dabei auf Verweise zu vermutlich bereits bekannten ähnlichen Objekten zurück, um eine höchstmögliche Präzision zu erlangen: "Der hawaiianische Federhelm, der so zart und fein ist, dass man den Eindruck hat, die roten und gelben Federn, mit denen er überzogen ist, könnten bei der geringsten Bewegung abfallen, gehörte zu den größtmöglichen Attraktionen der Sammlung. Er liegt, ähnlich den Helmen in der griechischen Antike, eng am Kopf an, hat aber einen dicken, hohen Kamm, der wie eine Irokesenfrisur von der Stirn bis in den Nacken verläuft." | Über eine Intensivierung des Beschreibung erfolgt eine vermutete Wirkungsgeschichte im Hawaii des 18. Jahrhunderts. | "Die Scheitellinie des Kamms ist in Längsrichtung rot und gelb gestreift, seine Seitenflächen sowie der Helmkorpus sind scharlachrot, und der vordere Rand weist eine schmale Borte aus abwechselnd gelben und schwarzen Federn auf. Die Farben des Helms sind so lebhaft und leuchtend, dass sein Träger unweigerlich aus der Menge hervorstechen musste." | Weiter geht es mit der Materialgeschichte, … | "Die roten Federn stammen vom Iiwi aus der Familie der Kleidervögel, die gelben von einer Honigfresserart, deren vorwiegend schwarzes Gefieder nur von einigen wenigen gelben Federn durchsetzt ist." | … einer Geschichte der Herstellung des Objekts … | "Diese kleinen Vögel wurden gefangen, gerupft und anschließend freigelassen oder getötet. Die Federn wurden dann vorsichtig auf einem Fasergeflecht befestigt, das über einen Rohrrahmen gespannt war." | … bis hin zu einer weltgeschichtlich vergleichenden Einschätzung des einstigen Objektwerts, … | "Federn waren das kostbarste Material, das den Menschen auf Hawaii zur Verfügung stand; sie waren hier so wertvoll wie Türkis in Mexiko, Jade in China oder Gold in Europa."13 | … nur um wenig später – ich überspringe einige Passagen – auf eine Vergleichsebene zu gelangen, die das Verstehen des Objekts erleichtert: | "Die Federhelme hatten eine ähnliche Funktion wie die pompösen Helme und Wappen mittelalterlicher Ritter – es waren auffällige und weithin sichtbare Attribute, die ein Heeresführer trug, wenn er seine Männer in die Schlacht führte. Und vor allem öffneten die Federhelme das Tor zu den Göttern. Aus den Federn der Vögel gefertigt, die selbst Erscheinungsformen des Göttlichen und Mittler zwischen Himmel und Erde waren, verliehen sie ihrem Träger magischen Schutz und übernatürliche Kraft."14

  1. Erste Literaturhinweise folgen im Anschluss an den Text.
  2. Ebd., S. 653.

Es verwundert schließlich nicht, dass er die über vierzig Jahre hinweg andauernde wissenschaftliche Deutungsdiskussion darüber, ob die Hawaiianer Cook bei seiner ersten und zweiten Ankunft als unterschiedliche Gottheiten ansahen, mit keinem Wort erwähnt.15 Es genügt ihm darauf zu verweisen, dass "die Umstände des Todes von James Cook […] zu einem Schulbuchbeispiel für anthropologische Missverständnisse geworden [sind]".16

Bildzitat/-nachweis: Hawaiian feather helmet. From Hawaii, Polynesia, 18th century AD, The British Museum.

Wer sich in die Deutungsdebatte einlesen möchte, findet hier erste Hinweise:

Texte der beiden Protagonisten: Marshall Sahlins, How "Natives" Think. About Captain Cook, for Example, Chicago 1995; Ders.: "Captain James Cook; of the Dying God", in: Ders., Islands of History, Chicago 1985, S. 104-135; Gananath Obeyesekere, The Apotheosis of Captain Cook. European Mythmaking in the Pacific, Princeton 1992; Ders., "'British Cannibals': Contemplation of an Event in the Death and Resurrection of James Cook, Explorer", in: Critical Inquiry, Jg. 18 (1992), H. 4, S. 630-654.

Zur Kontroverse zwischen Gananath Obeyesekere und Marshall Sahlins: Robert Borofsky, "Cook, Lono, Obeyesekere, Sahlins", in: Current Anthropology, Jg. 38 (1997), H. 2, S. 255-282; David R. Stoddart, "Captain Cook and How We Understand Him", in: Geographical Review, Jg. 87 (1997), H. 4, S. 537-541; K.R. Howe, "The Making of Cook’s Death", in: The Journal of Pacific History, Jg. 31 (1996), H. 1, S. 108-118; Jonathan Friedman, "Captain Cook, Culture and the World System", in: The Journal of Pacific History, Jg. 20 (1985), H. 4, S. 191-201.

Die Debatte selbst hat keineswegs erst mit Sahlins begonnen; siehe dazu beispielsweise Gavan Daws, "Kealakekua Bay Revisited: A Note on the Death of Captain Cook", in: The Journal of Pacific History, Jg. 3 (1968), S. 21-23.