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Dem Unmenschlichen menschliche Gesichter geben. Enemies of the People zeigt die Täter der killing fields Kambodschas

Ansichten | | von Franziska Kraus

enemies Der unter anderem bereits auf dem Sundance Film Festival 2010 mit dem Spezialpreis der Jury geehrte Film Enemies of the People blieb in Deutschland bisher vor allem einem ausgewählten Publikum auf dem Dresdner Festival Move it und der Cologne Film Conference vorbehalten. Und man fragt sich warum? Denn der in Zusammenarbeit zwischen Thet Sambath, Journalist und Menschenrechtler aus Kambodscha, und dem BBC-Dokumentarfilmer Rob Lemkin entstandene Film über die Erinnerungen an die Ereignisse im Kambodscha der 70er Jahre zählt zu den wichtigsten und eindrucksstärksten Arbeiten in der Kategorie Dokumentarfilm der letzten Jahre.

Die Dokumentation Sambaths zehnjähriger akribischer Recherche zeigt erstmals die Männer und Frauen, welche die Massaker unter dem Regime der Roten Khmer durchgeführt haben – vom Fußsoldaten zum ideologischen Führer der Partei. Sie brechen ein dreißigjähriges Schweigen und geben Aussagen zu Protokoll, die noch nie zuvor gehört oder gesehen wurden. Es ist ein persönlicher Film, der einen herzbeklemmenden Ausdruck findet, um die Geschichten Einzelner zu erzählen, die jeweils für einen Teil der Tragödie eines Volks stehen.

Zu Beginn treffen wir den Journalisten Thet Sambath in einem Café Phnom Penhs. Mit sanfter Stimme spricht er, man gehe davon aus, dass zur Zeit der Roten Khmer etwa 2 Millionen Menschen beschuldigt wurden, Enemies of the People zu sein und sie infolgedessen auf den Killing Fields einen grausamen Tod fanden. Man verstehe bis heute nicht, warum so viele Menschen dieser brutalen Gewalt ausgesetzt waren. Die Szene bildet den Einstieg in seine persönliche Geschichte. Der Regisseur erzählt von den eigenen Erfahrungen, der grausamen Hinrichtung des Vaters, Schicksal und Tod der Mutter und seinen jahrelangen Recherchen, die Licht in das Dunkel der schauerlichen Geschichte der 70er Jahre bringen sollen. Er tut dies nüchtern, ganz ohne Bitterkeit. Sambath erklärt, wie es ihm gelang, das Vertrauen von Landarbeitern, die in den verschiedensten Ebenen der Hierarchie wirkten, und das von Noun Chea, einem der verantwortlichen Hauptfunktionäre, zu gewinnen, sie davon zu überzeugen, über die Vergangenheit zu sprechen. Als einer von ihnen, nicht als Journalist, interessierte er sich für das vergangene Geschehen vor Ort und erhielt so einen nie zuvor dagewesenen Zugang zum gesamten Wirken der Roten Khmer.

Der Moment, in dem das Schweigen über die Taten jener Zeit gebrochen wird, ist wieder und wieder eingefangen. Doch anders als erwartet drückt sich dieser Bruch gerade nicht in Form lauter Stimmen voller Emotion – Anklagen, Verteidigungs- oder Rechtfertigungsversuche – aus. Statt dessen machen Sambath und Lemkin all die Orte sichtbar, an denen einzelne grausame Wahrheiten tief verborgen lagen, und lassen erstmals einen Blick hinter die Fassaden jener unfassbar schaudernden Ereignisse im Kambodscha der 70er Jahre zu.

Lemkin gelingt es das Ringen der Befragten, ihr Schweigen, ihre allmählich wiederkehrenden Erinnerungen, das Aufbrechen alter Konstruktionen des Selbstschutzes und die Konfrontation mit verdrängten und unterdrückten Bildern und Taten der eigenen Vergangenheit authentisch nah bis zum Gefühl des Befremdlichen einzufangen. Über die geduldigen Gespräche Sambaths mit den Tätern bekommen wir einen Eindruck davon, wie verfestigt das Nichterklären der Tragödie innerhalb dieses Landes ist.

Die Befragten wirken mit ihren ganz persönlichen Geschichten, die wie geschmacklose Schauermärchen anmuten, wie von einem sterbenden Regime ausgespuckt und zurückgelassen. Weder wurden sie nach den befohlenen Gräueltaten zur Verantwortung gezogen noch über ihre Stellung und Funktion innerhalb des perfiden Systems aufgeklärt, dessen sie mitunter unfreiwillig Teil wurden. Ein öffentlicher Diskurs über die nationale und hunderttausendfache persönliche Tragödie blieb bisher aus. Bis heute ist das Erinnern dieses düsteren Kapitels der kambodschanischen Geschichte weitestgehend im Dunkel des Gedächtnisses Einzelner belassen. Doch wird in Sambaths und Lemkins Film in aller Deutlichkeit offenbar, dass es sich nicht verdrängen lässt.

enemiesII Thet Sambath begegnet einfachen Bauern im Nord-Westen Kambodschas, führt sie an Orte zurück, an die sie niemals zurückkehren wollten. Er setzt sich mit ihnen an das Ufer eines Tümpels und lässt sie erzählen. Ab und an zieht ein Dorfbewohner mit seinem klapprigen, quietschenden Fahrrad vorüber. Langsam öffnen sie sich dem kambodschanischen Journalisten, beginnen darüber zu sprechen, wie es sich anfühlt, auf dieses Wasser zu blicken, in dem so viele Menschen durch ihre Hand den Tod fanden, wie schmerzlich sie in diesem Moment Reue und Betroffenheit erfahren. Die Einstellungen des BBC-Dokumentarfilmers Rob Lemkin zeigen minutenlang Gesichter der Menschen, die uns mit einem Mal weit mehr sehen lassen, als das wettergegerbte Gesicht eines einfachen Landarbeiters. In ihren Augen schimmert ein Widerschein der brutalen Handlungen, die sich einst vor ihnen und durch sie abspielten. Lemkins Aufnahmen fangen den Moment des beginnenden Reflektierens ein, eines Reflektierens nach einem halben Leben des Verdrängens. Die Landarbeiter sprechen zunächst zögerlich über ihre Gefühle und Erinnerungen; ihre Gesichter zeigen, wie schmerzlich und befremdlich sich dieses Reflektieren anfühlen muss. Nach einem Moment des Zauderns scheint das Nachstellen einer Situation einfacher als das Reden darüber. Auf Bitten Sambaths, ob man nicht zeigen könne, wie man es gemacht habe, stellt ein Täter die Methode des schnellen Tötens mit einem Plastikmesser nach. Es ist zum Verzweifeln authentisch.

Enemies of the People ist ein äußerst eindrucksstarkes Dokument über das brachial Absurde der Ereignisse und legt offen, wie verstörend mangelnde Aufarbeitung sein kann. Der Film zeigt ein verzerrtes Spiegelbild, das aus einem unheimlichen Gemisch aus begangenen wie erlebten Grausamkeiten und dem verfestigten Schweigen darüber allmählich entstanden ist. So lässt er sich nicht nur als Zeugnis darüber sehen, wie dem Unmenschlichen menschliche Gesichter gegeben werden können, sondern zeigt vor allem, welch bizarren Lauf die verschwiegene Geschichte Kambodschas genommen hat. Es wäre wünschenswert, fände sich Sambaths Dokumentation schon bald im Programm des ein oder anderen deutschen Kinos.

Franziska Kraus studiert Geschichte, Germanistik und Skandinavistik im 10. Semester an der Universität zu Köln und schreibt gerade ihre Magisterarbeit über die Popularisierung der norwegischen Landschaft.