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Bis auf die Knochen. Wie Dinosaurier von Künstlern kreiert wurden

Experimente | | von Anne Klatt

Trachodon annectens Was lebte vor dem Menschen auf der Erde? Die Antwort darauf lag und liegt unter der Erde verborgen. Sensationelle Knochenfunde längst ausgestorbener Lebewesen machten im 19. und 20. Jahrhundert endlich plastische Rekonstruktionen der gigantischen Reptilien möglich. Die neuen Erkenntnisse, die anhand der rekonstruierten, regelrecht zusammengepuzzelten Skelette seitens der Paläontologen gewonnen wurden, waren bahnbrechend. Mit ihnen konnte die Evolutionstheorie mit Nachdruck gestützt und bislang unbekannte, allein erahnte Lebensräume erschlossen werden.

Die Schwarzweißabbildung, die im Jahre 1918 veröffentlicht wurde, besteht aus zwei zusammenhängenden Bildern, von denen das obere ungefähr zwei Drittel des Platzes einnimmt. Die Darstellungen ähneln sich sehr, da beide zwei Dinosaurier der gleichen Art zeigen, einen aufrecht stehend rechts im Bild, den anderen auf allen Vieren links. Die Dinosaurier können als zwei Hadrosaurier bestimmt werden. Im Foto oben zeigen zusammengebaute Skelette ihren Körperbau im Groben, in der Zeichnung darunter sind sie in ihrem vermuteten Lebensraum dargestellt. Auffällig ist, dass die Schädel-, jedoch vor allem die schnabelartige Maulform des linken Exemplars große Abweichungen zum Artgenossen auf der rechten Seite aufweisen. Ob da eine Unsicherheit seitens der Forscher auszumachen ist, oder ob es sich hierbei um eine Darstellung von Männchen und Weibchen handelt, kann an dieser Stelle nicht bestimmt werden. Das kleine Bild zeigt – vermutlich im Original farbig – die anhand der Knochen und der Größe rekonstruierten Phänotypen der Hadrosaurier, in ihrer arttypischen Umwelt. Fehlende Orientierungspunkte verbieten das Einschätzen der Größe der Dinosaurier. Einzig anhand des Hintergrundes der Zeichnung ließe sich die Körpergröße dieser Reptilien erahnen.

Bilder wie dieses entstanden vor allem im 20. Jahrhundert in großer Vielzahl. Das Interesse an vergangenen Zeitaltern wie der Kreidezeit und den zu der Zeit lebenden Dinosauriern wuchs immer mehr heran. Skelette, die ein dreidimensionales Bild der ausgestorbenen Spezies geben konnten, waren als Darstellungsform zu limitiert um komplexere Zusammenhänge zu verdeutlichen. Die Forscher bedienten sich nun mehr und mehr der Möglichkeit kolorierter Darstellungen, wahrlich ein Kunstzweig für sich. Dass diese Bilder, die manchmal mehrere Dinosaurierarten zusammen in ihrem jeweiligen Lebensraum präsentierten, die Vorstellungen der Menschen von Dinosauriern eindeutig prägten, war ein Nebeneffekt. Vor allem konnten so Verhaltensweisen und Fressgewohnheiten besser erläutert werden. Die Forscher mussten bei der Rekonstruktion der Körper häufiger auf ihre Vorstellungskraft zurückgreifen als auf Fakten. Zugleich waren ihre Darstellungen des Öfteren von Tieren der heutigen Zeit inspiriert. Diese dienten als Orientierungsmuster, da die wissenschaftlichen Zeichner in den Dinosauriern nicht selten entfernte Vorfahren heutiger Tierarten sahen. Knochenfunde wie der dargestellte waren ein Segen für die Wissenschaft. Der Wunsch nach neuem Wissen über die ausgestorbenen Riesen brauchte neue Methoden der Vermittlung, Skelette wirkten besser, wenn sich die Körperform anhand der Bilder zusätzlich erklärte. Dies führte jedoch auch dazu, dass sich viele Merkmale verschiedener Saurierarten in den Köpfen der Betrachter regelrecht einbrannten, selbst wenn sie womöglich im Laufe der Zeit widerlegt werden konnten.

Selbst heute, im 21. Jahrhundert ist es noch nicht gelungen, die tatsächlichen Körpermaße und die Farbgebung einzelner Dinosaurierarten eindeutig zu bestimmen. Die Chance dazu ist sehr gering. Vergleicht man allerdings Darstellungen aus den Anfängen der Paläontologie mit Abbildungen aus der heutigen Zeit, wird ziemlich schnell deutlich, dass sich die Darstellungsweisen analog zu den jeweiligen neuen Forschungsergebnissen mal drastischer, mal unauffälliger gewandelt haben. Inwieweit diese Aktualisierungen auch noch ihren Weg in die Köpfe der Betrachter finden, bleibt nach wie vor fraglich.

Bildzitat/-nachweis: Zwei Skelette (oben) des in Montana entdeckten Trachodon annectens im American Museum of Natural History; eine Rekonstruktion (unten) von Osborn und Knight, in: Henry Fairfield Osborn, Ursprung und Entwicklung des Lebens auf Grund einer Theorie von der Wirkung, Gegenwirkung und Zwischenwirkung der Energie, übersetzt von Adolf Meyer, Stuttgart 1930, S. 232, dort Fig. 100: Iguanodonten der Oberen Kreide aus Montana.

Dieser Text entstand im Rahmen der Übung "Bilder erzählen" im SoSe 2012. Aufgabe war das Verfassen von wissenschaftlich argumentierenden Texten über visuelle Quellen, die ohne konkrete Quellenangaben zur Verfügung gestellt wurden und zu denen nicht weiter recherchiert werden sollte. Anne Klatt studiert im 4. Fachsemester Geschichte an der WWU Münster.

Etwas abseitig… aber warum nicht: