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Der Geschichte Raum geben. Das Archäologische Museum Frankfurt in der städtischen Karmeliterkirche

Experimente | | von Judith Thomann

  1. Abbildung 1: Tradition trifft Innovation: Das Archäologische Museum vor der Frankfurter Skyline. (Foto: Archäologisches Museum Frankfurt)

Archaeologisches&Museum 1 Ein sternförmiges Gewölbe erstreckt sich über die hell getünchte Decke der Kirche. In diesem blassroten Netz aus Sandstein, das in manchen Gebäudeabschnitten mal enger, mal weiter geknüpft ist, sind an einigen Stellen kleine Wappen erkennbar. Im Chor des Langschiffes wiederholt sich das Farbschema des Gewölbes, doch sind die weißen Wände hier sehr viel höher. Durch die langen gotischen Fenster fällt Licht auf einen Punkt, an dem ein Altar zu erwarten wäre. Doch stattdessen steht hier, eingerahmt von zwei niedrigen ledernen Sitz-Bänken, ein ockerfarbener Sandsteinblock: Ihn ziert ein Relief des heidnischen Gottes Mithras, dessen Kult sich über die Legionäre des Imperium Romanum bis in die Rhein-Main-Region verbreitet hatte. In Sichtweite ragen Jupitersäulen zum hölzernen Gewölbe des Langschiffes auf. Ein paar Meter weiter liegen, zu einer Grablege-Szene arrangiert, die Gebeine und Grabbeigaben eines Keltenfürsten unter einer Glasabdeckung.

  1. Interview mit Tessa Maletschek vom 19. Dezember 2013.

Vorchristliche Bestattungsriten und heidnische Kultdenkmäler in einer Kirche auszustellen, ruft wohlmöglich erst einmal Erstaunen hervor. Denkbar wäre der Einwand, Jupiter sei an einem Ort, an dem über Jahrhunderte Geistliche und Laien zu ihrem Erlöser gebetet haben, deplatziert. "Ich wüsste nicht, dass es diesbezüglich schon einmal Kritik gegeben hätte", erklärt Tessa Maletschek, die Museologin des in einer ehemaligen Bettelordenskirche untergebrachten Archäologischen Museums Frankfurt. "Wir hätten es definitiv mitbekommen, wenn das ein Problem für unsere Besucher wäre."2 Möglicherweise erklärt sich dies aus dem Umstand heraus, dass diese eigensinnige Zusammenführung der Religionen in der Mainmetropole schon lange einen vertrauten Anblick darstellt – immerhin residiert das Museum nun schon seit über 20 Jahren in der ehemaligen Kirche des Karmeliterklosters an der Alten Mainzer Gasse.

  1. Einladungskarte zur Wiedereröffnung des Museums für Vor- und Frühgeschichte (Institut für Stadtgeschichte, S3/N 15.075).

Am 28. Juni 1989 begann die ungewöhnliche gemeinsame Geschichte von Museum und Karmeliterkirche: "Das Museum für Vor- und Frühgeschichte – Archäologisches Museum – wird wiedereröffnet. Im Namen des Magistrats gebe ich [Bürgermeister Hans-Jürgen Moog] mir die Ehre, Sie hierzu […] herzlich einzuladen",3 heißt es auf der damaligen offiziellen Einladungskarte, die im Frankfurter Stadtarchiv dokumentiert ist. Sie wird in einer Papiermappe, eingebettet in Pressemitteilungen und regionale Zeitungsartikel, aufbewahrt: Die Artikel berichten, wie das alte Domizil des Museums in den siebziger Jahren zu klein wurde, wie die Stadt sich dazu entschloss, die zerstörte Karmeliterkirche für das Museum wieder herzurichten, und wie eine Kommission den Stararchitekten Josef Paul Kleihues damit beauftragte, seinen Entwurf für einen an die Kirche angefügten Neubau umzusetzen und die Kirche zu restaurieren.

  1. Mathias Schreiber, "Schwerthieb hinter der Klostermauer. Das neue Museum für Vor- und Frühgeschichte: ansehnlich mißlungen", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 149, vom 1. Juli 1989, S. 25 (Institut für Stadtgeschichte, S3/N 15.075).
  2. Dieter Bartetzko, "Die Frankfurter Mauer. Der Neubau des Museums für Vor- und Frühgeschichte", in: Frankfurter Rundschau Nr. 143, vom 24. Juni 1989, S. 16 (Institut für Stadtgeschichte, S3/N 15.075).

Die meisten Artikel bilden dabei das Presse-Echo auf die Umsetzung von Kleihues’ Ideen, das vor allem disharmonisch wiederhallte: So berichtet die FAZ einige Tage nach der Wiedereröffnung des Museums, Kleihues’ Arbeit sei "ansehnlich mißlungen", da seine architektonische Ästhetik deplatziert an einem Ort sei, "wo eine einzige leise Melodie angemessen gewesen wäre".4 Die Frankfurter Rundschau wiederum etikettierte den massiven Neubau, der von der Alten Mainzer Gasse aus gesehen die Klosteranlage größtenteils verdeckt, kurz vor der Eröffnung als "Frankfurter Mauer"5 – wohlgemerkt zu einer Zeit, in der noch zwei deutsche Staaten existierten. Angesichts dieser scharfen Kritik stellt sich die Frage, ob historische Architektur und Moderne, das Mittelalter und die Gegenwart, ein Museum und ein Gotteshaus überhaupt zueinander finden können, ohne jemandem zu missfallen. Möglicherweise widersprechen sich Museum und historischer Sakral-Ort, wenn sie in ihrer jeweiligen Geschichte keine vergleichbaren Entwicklungen vollzogen haben.

  1. Margarete Dohrn-Ihmig, "Die gotische Kirche", in: Dies. u.a. (Hg.), Die gotische Karmeliterkirche in Frankfurt am Main (Archäologische Reihe, Bd. 3), Frankfurt/Main 1985, S. 5-27, hier S. 19.
  2. Wolfgang Metternich, "Die Karmeliterkirche in der Frankfurter Kirchenbaukunst vom 13. bis zum 15. Jahrhundert", in: Ebd., S. 28-45, hier S. 30.

Die verschiedenen Bauabschnitte des Frankfurter Karmeliterklosters erzählen seit der Mitte des 13. Jahrhunderts Geschichten der Anpassung oder sogar der forcierten Unterwerfung der Anlage unter die Anforderungen verschiedenster Epochen. So steht beispielsweise das südliche Querhaus der Karmeliterkirche für die Beziehung des Ordens zum Frankfurter Bürgertum: Heute wird der hell verputzte Kirchen-Arm mit gotischem Fenster von Kleihues’ modernem Museumsanbau eingerahmt. Wie eine Lanze durchbricht dieser im 14. Jahrhundert entstandene Gebäudeabschnitt die sich in Rot und Beige abwechselnden Streifen des Neubaus. Im Mittelalter diente er als Kirchen-Haupteingang für die Gläubigen,6 die seit seiner Errichtung ihr Gotteshaus von einer der belebtesten Verkehrsadern des mittelalterlichen Frankfurt, der heutigen Alten Mainzer Gasse, betreten konnten.7

  1. Egon Wamers, "Die Geschichte des Kameliterklosters im Mittelalter", in: Evelyn Hils-Brockhoff (Hg.), Das Karmeliterkloster in Frankfurt am Main. Geschichte und Kunstdenkmäler, Frankfurt/Main 1999, S. 4-15, hier S. 5.
  2. Dohrn-Ihmig, Die gotische Kirche, S. 5.
  3. Egon Wamers, "Vom Berge Karmel zum Karmeliter-Hügel. Zur Geschichte der Karmeliterkirche Frankfurt am Main", in: Magistrat der Stadt Frankfurt am Main (Hg.), Museum für Vor- und Frühgeschichte Frankfurt am Main (Schriftenreihe des Hochbauamtes zu Bauaufgaben der Stadt Frankfurt am Main), Frankfurt/Main 1989, S. 23-30, hier S. 23.
  4. Metternich, Karmeliterkirche in der Frankfurter Kirchenbaukunst, S. 28.
  5. Vgl. Dohrn-Ihmig, Die gotische Kirche, S. 16.
  6. Ebd., S. 16-24, mit aufschlussreichen Rekonstruktionszeichnungen.

Die Mönche waren mit der Errichtung des Querhauses aus dem Abseits an die Frankfurter Bürger herangerückt. Nicht nur, indem sie sich architektonisch von einem etwas isoliert stehenden Platz dem Stadtleben entgegen streckten, sondern auch indem sie nach ihrer Flucht aus dem Heiligen Land von ihrem Dasein als Eremiten abrückten und sich als Bettelorden neu formierten.8 Ihre Regeln schrieben nun Seelsorge und öffentliche Predigt in der Gemeinde vor,9 was zur Folge hatte, dass sich der Orden vor allem an Orten mit großer Einwohnerzahl niederließ – in den 1240er Jahren schließlich auch in Frankfurt. Angetan vom bescheidenen Lebensstil der Karmeliter, zeigten sich die Frankfurter von Anfang an nicht nur aus Erwägungen bezüglich des eigenen Seelenheils großzügig, sondern auch um in den eigenen Wirtschaftsstandort zu investieren:10 Eine geistliche Einrichtung mit hohem Prestige lockte immerhin fromme (und zahlende) Besucher an. Durch die fiskalischen Zuwendungen der politisch immer wichtiger werdenden Bürger11 konnten die Karmeliter ihre 1270 eingeweihte kleine Kirche innerhalb von nur zwei Jahrzehnten auf die doppelte Größe ausbauen.12 Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts kamen unter anderem das Querhaus, eine Sakristei und mehrere Kapellen für assoziierte Laien-Bruderschaften hinzu.13

  1. Evelyn Hils-Brockhoff, "Die Geschichte des Karmeliterklosters vom 16. Jahrhundert bis heute", in: Dies. (Hg.), Das Karmeliterkloster in Frankfurt am Main. Geschichte und Kunstdenkmäler, Frankfurt/Main 1999, S. 46-63, hier S. 47.
  2. Hier und im Folgenden ebd., S. 47f.

Dieses Verhältnis zum Bürgertum gereichte den Karmelitern allerdings nicht nur zum Vorteil – spätestens seit der Reformation entpuppte es sich sogar als fatal: Denn nach der Abkehr der Frankfurter vom alten katholischen Glauben blieben nicht nur die für den Konvent überlebenswichtigen finanziellen Zuwendungen aus, die Karmeliter mussten von nun an zusätzlich ohne Unterlass ihre Daseinsberechtigung in der Stadt verteidigen.14 Obwohl die Mönche weiterhin eine kleine Gemeinde von Frankfurtern betreuten, hatten sie immer wieder mit Enteignungen zu kämpfen, die 1633 in ihrer zweijährigen Vertreibung aus Frankfurt gipfelten.15 Die Karmeliter konnten sich nach ihrer Rückkehr und einem Brand des Klosters nur langsam finanziell wieder erholen: Erst im 18. Jahrhundert kam es wieder zu vermehrten finanziellen Zuwendungen, die vor allem in Restaurierungsmaßnahmen und in die Ausstattung der Kirche investiert wurden.

  1. Ebd., S. 52.

Diese kleine Renaissance der Karmeliter im 18. Jahrhundert macht allerdings auch deutlich, dass sich die Mönche mittlerweile in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zum Frankfurter Bürgertum befanden. Insofern überrascht es nicht, dass es der Stadtrat war, der gemäß des Reichshauptdeputationsschlusses dem Ordensleben der Karmeliter in Frankfurt 1803 ein Ende setzte. Die der Säkularisation folgenden baulichen Veränderungen sind heute am Besten im Kreuzgang des Klosters fassbar. Hier können kunstgeschichtlich Interessierte die kurz vor der Reformation fertig gestellten wertvollen Fresken von Jörg Ratgeb bewundern – oder vielmehr die erhaltenen Teile des Bildzyklus. Die gesamte Nordseite des Rundganges, der heute eine idyllische Rasenfläche mit einem Magnolienbaum umgibt, zeigt nur noch schemenhafte Andeutungen der hagiographischen und heilsgeschichtlichen Motive, die hier einmal zu sehen waren. An dieser Seite des Kreuzganges befand sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Pferdestall des preußischen Militärs. Nachdem die Klöster Frankfurts nach der Säkularisation in den Besitz der Stadt übergegangen waren und der Stadtrat die frei gewordenen Raumkapazitäten für die Unterbringung eigener Soldaten verwendete, wurde die Nutzung des Karmeliterklosters als Kaserne zunächst von den Österreichern, dann von den Preußen fortgeführt. Nach dem Abzug des Militärs Ende des 19. Jahrhunderts zog eine Schule in das frühere Kloster-Refektorium ein.16

  1. Ebd., S. 50.
  2. Ebd., S. 52.
  3. Walter Hochreiter, Vom Musentempel zum Lernort. Zur Sozialgeschichte deutscher Museen 1800–1914, Darmstadt 1994, S. 99.

Die gewaltsame Aneignung des historischen Raumes durch die profane Nutzung zerstörte große Teile der Klosteranlage: Fenster wurden durchbrochen, Fresken übertüncht und ganze Gebäudeteile abgerissen. So verlor die Karmeliterkirche ihre Sakristei und die Sebastianskapelle, als das seit der Säkularisation in der Kirche untergebrachte Warenlager neue Raumkapazitäten benötigte.17 Nur langsam erwachte ein gewisses Interesse am architektonischen und kunstgeschichtlichen Wert des früheren Klosters: Da er mit der baldigen Zerstörung der Fresken im Kreuzgang rechnete, hielt der Frankfurter Maler Otto Donner von Richter Ratgebs Arbeiten Ende des 19. Jahrhunderts zeichnerisch fest, um sie für die Nachwelt zu dokumentieren.18 Der Kunstexperte hatte sich zu seiner Zeit nicht nur um das Ratgebsche Erbe, sondern auch als Vorsitzender des Vereins für das Historische Museum um den Ausbau dieser Institution verdient gemacht.19

  1. Ebd., S. 100.
  2. Hils-Brockhoff, Geschichte des Karmeliterklosters bis heute, S. 54-56.
  3. Ebd., S. 54 und Dohrn-Ihmig, Die gotische Kirche, S. 5.

Während vor allem die archäologische Sammlung der 1878 gegründeten Einrichtung durch die vom Museums-Verein finanzierten Ankäufe und regionalen Ausgrabungen weiter anwuchs,20 stieg auch das Interesse an den Spuren des mittelalterlichen Frankfurt. Aus diesem Grund wurde das Karmeliterkloster in den 1920er Jahren restauriert – ein Jahrzehnt später folgten die Renovierungsarbeiten an der Karmeliterkirche, zu deren Maßnahmen unter anderem der Abbruch der Lageranbauten und das Einreißen der angelegten hölzernen Zwischenetagen zählten.21 Doch fiel der Erhalt des mittelalterlichen Erbes der Stadt anscheinend nicht so ins Gewicht, als das sie aus reinem Selbstzweck erfolgte. Die profane Nutzung der ehemaligen Sakralbauten wurde fortgesetzt, allerdings schienen die neuen Verwendungszwecke eine möglicherweise inspirierende Wirkung der ehemaligen Sakralstätte mitdenken zu wollen: In den zwanziger Jahren wurden über dem Kreuzgang Künstler-Ateliers und -Wohnungen angelegt, während für die Karmeliterkirche diverse Nutzungsmöglichkeiten, unter anderem die Verwendung als Ausstellungsraum, Konzertsaal oder auch als Museum, für die Zeit nach ihrer Renovierung (1934–1936) ins Auge gefasst wurden.22

  1. Wolfgang Metternich, Karmeliterkirche in der Frankfurter Kirchenbaukunst, S. 29.
  2. Walter Meier-Arendt, "Das Museum für Vor- und Frühgeschichte und seine Sammlungen", in: Magistrat der Stadt Frankfurt am Main (Hg.), Museum für Vor- und Frühgeschichte Frankfurt am Main (Schriftenreihe des Hochbauamtes zu Bauaufgaben der Stadt Frankfurt am Main), Frankfurt/Main 1989, S. 18-20, hier S. 18.

Nur ein Jahr nach Beendigung der Renovierungsarbeiten an der Karmeliterkirche wurde der Vorgänger des Archäologischen Museums, das Museum für heimische Vor- und Frühgeschichte, aus den Beständen der Archäologischen Abteilung des Historischen Museums gegründet. Ob die Karmeliterkirche jemals im Gespräch für die Unterbringung des Museums war, lässt sich nicht rekonstruieren. Bemerkenswerterweise wurde ein anderes säkularisiertes Bettelordenskloster, das ehemalige Domizil der Frankfurter Dominikaner und im 13. und 14. Jahrhundert Wahlort der deutschen Könige,23 die erste Bleibe des neuen Museums.24

  1. Abbildung 2: Trostlos: Der Kreuzgang nach der Zerstörung des Klosters 1944. An dieser Stelle befand sich im 19. Jahrhundert ein Pferdestall. (Foto: Klaus Meier-Ude)
  2. Ebd., Museum für Vor- und Frühgeschichte, S. 18. Siehe auch Hils-Brockhoff, Geschichte des Karmeliterklosters bis heute, S. 58.
  3. Bartetzko, Frankfurter Mauer.
  4. Hils-Brockhoff, Geschichte des Karmeliterklosters bis heute, S. 59f.

Trostlos 25 Lange konnten das Museum für heimische Vor- und Frühgeschichte und die Karmeliterkirche ihre neuen Möglichkeiten jedoch nicht nutzen, denn 1944 fielen sowohl das Dominikanerkloster als auch die Karmeliterkirche dem Bombenkrieg zum Opfer.26 Dutzende Menschen hatten in letzterer Schutz vor den Angriffen gesucht und fanden bei der Zerstörung ihres Zufluchtsortes am 22. März 1944 den Tod.27 Nach dem Krieg wurde die Karmeliterkirche allein mit einem notdürftigen Dach versehen. Sie verfiel zur Ruine, während das wieder aufgebaute und erneut restaurierte Kloster ab den 1950er Jahren einer noch nie dagewesenen Vielzahl an Institutionen (unter anderem dem städtischen Sozialamt, dem Theater Die Schmiere, der Frankfurter Außenstelle des Bundesarchivs und dem Stadtarchiv) als Unterbringung diente.28

  1. Abbildung 3: Dem Verfall überlassen: Nach ihrer Zerstörung im März 1944 sollte die Karmeliterkirche noch entrümpelt werden und ein Notdach über ihrem Chor und dem Querhaus erhalten. Danach kümmerte sich niemand mehr um das gotische Bauwerk. (Foto: Max Göllner)
  2. "Museumsdirektor schnorrt Zigarrenkisten. Zeugen der Frühzeit verrosten in einer Badewanne", in: Volksstimme, Oktober 1952 (Institut für Stadtgeschichte, S6b/38 Nr. 618).
  3. "Archäologie in der Karmeliterkirche", in: Journal des Hessischen Museums-Verbandes Nr. 1 (1989), S. 16 (Institut für Stadtgeschichte, S3/N 15.075).
  4. Museumsdirektor schnorrt Zigarrenkisten.
  5. Meier-Arendt, Das Museum für Vor- und Frühgeschichte, S. 18.

Verfall 29 Die Mitarbeiter des Museums für heimische Vor- und Frühgeschichte stolperten indessen durch die Trümmer des Dominikanerklosters. Die wertvollen Exponate mussten schnellstmöglich vor Witterungseinflüssen geschützt werden – notfalls auch in Zigarrenkisten.30 Als Anfang der 1950er Jahre die zwischenzeitlich wieder in das Historische Museum eingegliederte Institution31 eine Zusage für die Nutzung des Holzhausenschlösschens bekam, begannen sich die Sorgen zu lichten. "Die wenigen Räume reichen zwar bei weitem nicht aus, um eine umfassende Ausstellung aufzubauen, aber ich bin schon froh, daß ich überhaupt wieder der Jugend einen Einblick in die Vorgeschichte ihrer Heimat geben kann",32 bemerkte der Direktor des Museums gegenüber der Volksstimme 1952, ein Jahr vor dem Umzug. Der angesprochene Platzmangel in dieser neuen Bleibe erwuchs bis in die 1970er Jahre hinein nicht nur zu einem Problem der Ausstellungsplanung, sondern behinderte das umgetaufte Museum für Vor- und Frühgeschichte auch bei der offiziell anvertrauten Sorge um die "archäologische Denkmalpflege für das Stadtgebiet".33 Damit verbunden war die fachgerechte Verwahrung aller bei Ausgrabungen in der Region entdeckten Artefakte, unter anderem großer Steindenkmäler aus der ehemaligen Römerstadt Nida nahe Heddernheim. Der Fall war spätestens in den siebziger Jahren klar: Ein neues Domizil musste gefunden werden.

  1. Abbildung 4: Herausfordernde Geschichte: 1944 starben während eines Bombenangriffes Zufluchtsuchende in der Karmeliterkirche. Der Umbau für das Museum musste sich in den 1980er Jahren auch an diesem Erbe messen lassen. (Foto: Gustav J. Essinger)
  2. Roland Burgard, "Bericht der Projektleitung", in: Magistrat der Stadt Frankfurt am Main (Hg.), Museum für Vor- und Frühgeschichte Frankfurt am Main (Schriftenreihe des Hochbauamtes zu Bauaufgaben der Stadt Frankfurt am Main), Frankfurt/Main 1989, S. 48-50, hier S. 48.
  3. Gerhard Matzig, Kirchen in Not. Über den profanen Umgang mit sakralen Denkmälern (Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Bd. 56), Bonn 1997, S. 16.
  4. Wilfried Ehrlich, "Der Entwurf für den Museumsneubau ist schon gefunden. Sensible Architektur mit unsensiblem Abschluß. Schwieriges Planen an der Karmeliterkirche", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 3. Dezember 1980 (Institut für Stadtgeschichte, S3/N 15.075).

Herausfordernde&Geschichte 34 Die Lösung dieses Problems wurde mit der Restaurierung der seit Jahrzehnten verlassenen Kirchen-Ruine des ehemaligen Karmeliterklosters verbunden, als der Magistrat 1979 ein neues Raumprogramm für das Klosterarreal beschloss – die noch zu rekonstruierende Kirche sollte die neue Bleibe des Museums für Vor- und Frühgeschichte werden.35 Etwa 20 Jahre später sollte der Denkmalschutz-Experte Gerhard Matzig bemerken, dass kein Architekt um die Aufgabe, Städte- und architektonischen Raum miteinander zu verbinden, zu beneiden sei – selten stelle das Ergebnis alle zufrieden.36 Auch der Gewinner des 1980 in Frankfurt ausgetragenen Architekturwettbewerbs bekam dies schnell zu spüren: Während Kleihues’ Restaurierungsvorschläge, vor allem das von einem Stahlgerüst getragene Holzgewölbe über dem Langschiff, positiv aufgenommen wurden, reagierte die Presse ad hoc skeptisch bis Nase rümpfend auf den Neubau.37

  1. Schreiber, Schwerthieb hinter der Klostermauer.
  2. Ebd. Auch Matzig greift den Begriff auf: Matzig, Kirchen in Not, S. 57.
  3. "Langes Warten auf die Schaukästen. Eröffnung des Museums für Vor- und Frühgeschichte auf Ende April verschoben", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 31. März 1989 (Institut für Stadtgeschichte, S3/N 15.075).
  4. "Die Bauästhetik läßt Beinen keinen Raum. Archäologen im Museum sind zu groß für ihre Büros", in: Frankfurter Rundschau Nr. 225, vom 27.09.1988 (Institut für Stadtgeschichte, S3/N 15.075).
  5. Nikolaus Münster, "Lichtdurchflutete Säle hinter abweisender Mauer. Dem Museum für Vor- und Frühgeschichte fehlt nur noch die Innenausstattung", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 16. August 1988 (IfS, S3/N 15.075).
  6. Anke te Heesen, Theorien des Museums zur Einführung, Hamburg 2012, S. 20.

Bis zur Beendigung der Bauarbeiten bemühten Journalisten den historischen Hintergrund der Klosteranlage als ehemaligen Sakral- oder verhängnisvollem Zufluchts-Ort im Zweiten Weltkrieg,38 um Kleihues’ "kritische Rekonstruktion" der Vergangenheit – ein Schlagwort, auf das sich der Architekt gern berief39 – zu hinterfragen. Dies ging sogar so weit, dass Reminiszenzen konstruiert wurden, die im Entwurf des Museums-Neubaus noch nicht einmal bewusst angelegt worden waren: So verwies die FAZ im März 1989 darauf, dass der Neubau unbeabsichtigt an die im 13. Jahrhundert quergestreiften Kutten der Karmeliter erinnere.40 Ein Jahr zuvor im September war ein Bericht in der Frankfurter Rundschau erschienen, nach dem die Mitarbeiter des Museums "wie in Klosterzellen"41 in ihren viel zu klein konzipierten Büros hausen würden. Die FAZ wiederum verglich Kleihues’ Vorliebe für konsequent einheitliche Maße im August 1988 mit der Verwendung des attischen Fußes beim Tempelbau im antiken Griechenland,42 womit die Zeitung das Museum unbeabsichtigt näher an seine etymologische Herkunft als sakralen "Musensitz" heranrückte.43

  1. Ebd., S. 20.
  2. Stefan Laube, Von der Reliquie zum Ding. Heiliger Ort – Wunderkammer – Museum, Berlin 2011, S. 164-165.
  3. Matzig, Kirchen in Not, S. 59.

"Verehrung und gelehrter Dialog sind die entscheidenden Stichworte, die den ursprünglichen Begriff des Museums ausmachen",44 erklärt Anke te Heesen, Spezialistin für Museumsgeschichte, und weist damit auf die semantische Nähe von sakralem Ort und Museum hin. Nicht nur in der Entstehungsgeschichte des Museums können sakrale Elemente nachgewiesen werden – auch die Kirche kannte in ihrer Entwicklung im weitesten Sinne museale Aspekte: So können die Vorgänge in den Gotteshäusern der Reliquien sammelnden spätmittelalterlichen Kirchenfürsten durchaus als "Ausstellungspraxis" verstanden werden, deren Flexibilität durch aufklappbare Altäre oder am Kirchenjahr orientierten "Präsentationen" der "Artefakte" bemerkenswert war.45 Die Karmeliter können natürlich in keinster Weise derselben exzesshaften Investition in Reliquien bezichtigt werden – wenngleich ihre Frankfurter Bauten nachweislich ein relatives Maß an Pracht entfalteten –, doch gerade durch ihre Predigttätigkeit wurde die Karmeliterkirche schon früh zum Ort der Belehrung ihrer Gemeinde über die Heilsgeschichte. Auch Gerhard Matzig beobachtet, dass die Frankfurter Karmeliterkirche "noch immer […] Ort der Lehre, der Ruhe, der intensiven Auseinandersetzung" sei.46

  1. Anke te Heesen/Petra Lutz, "Einleitung", in: Dies. (Hg.), Dingwelten. Das Museum als Erkenntnisort (Schriften des Deutschen Hygiene-Museums Dresden, Bd. 4), Köln u.a. 2009, S. 11-24, hier S. 12.

Anke te Heesen hat an anderer Stelle zusammen mit Petra Lutz bemerkt, dass im Falle einer "inadäquaten" Raum-Ding-Verbindung immer das Ding (oder die Institution) den Kürzeren ziehe und als "sinnlos" in seinem neuen Kontext stigmatisiert werden würde.47 Daher drängt sich die Frage auf, wie sich das hier betrachtete "Ding", das Archäologische Museum, zu den Vor- und Nachteilen seiner ganz speziellen räumlichen Situation verhält. "Wir haben öfter Probleme mit dem Kirchenbau wegen der Technik, vor allem bezüglich Strom und Beleuchtung bei Sonderausstellungen, und wegen der Akustik bei Führungen", berichtet die Museologin Tessa Maletschek. Die Unterbringung in einer ehemaligen Kirche habe aber auch positive Seiten: "Wir hören oft, dass die Besucher, wenn sie die Kirche durch den Neubau betreten, ins Staunen geraten. Die hohen Decken, der Klang – das ist dieses typische Gefühl, das man hat, wenn man eine Kirche betritt. Es kommen sogar Leute, nur um die Kirche zu sehen."

  1. Abbildung 5: (Kein) Schatten-Dasein: Die Atmosphäre und Architektur der Karmeliterkirche kommen bei den Besuchern des Archäologischen Museums gut an. Aus diesem Grund ziert ein Fensterschatten der Kirche die aktuelle Image-Broschüre. (Foto: Archäologisches Museum Frankfurt)

Fensterschatten 48 Aus diesem Grund ziert auch das Bild eines Fensterschattens in der Kirche den aktuellen Image-Flyer des Museums. Angesichts dieser Beobachtung erscheint es umso verwunderlicher, dass die Dauerausstellung des Museums keine Informationen über die Geschichte der Karmeliterkirche für die Besucher bereithält, während der Orden selbst nur in einer kleinen Abteilung in der Gruft der Annakapelle vertreten ist. Wer sich für die Geschichte der Klosteranlage interessiert, kann sich auf einer von Stadtarchiv und Museum gemeinsam gestalteten Führung informieren. Um diese bisher sehr erfolgreiche Kooperation weiter auszubauen, findet in diesem Jahr erstmals ein "Klostertag" mit einem entsprechenden Unterhaltungsprogramm statt, um die Einwohner Frankfurts erneut für die mittelalterliche Klosteranlage zu begeistern. Das Datum ist der 28. Juni – der Jubiläumstag der Museumseröffnung in der Karmeliterkirche.

  1. Matzig, Kirchen in Not, S. 18.

Gerhard Matzig schrieb 1997: "Wohnen […] verschlingt Raum, bedarf der Zonierung, braucht Mauern. Isoliert. Der Kirchenraum dient dem Gegenteil: Er gibt Raum, vereint, durchbricht Grenzen."49 Dies scheint heute noch so aktuell wie damals – und auf die Karmeliterkirche in Frankfurt absolut zutreffend.

Bildnachweise: Abb. 1: Archäologisches Museum Frankfurt. | Abb. 2: Klaus Meier-Ude. (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, S7B1998/1199) | Abb. 3: Max Göllner. (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, S7B1998/1162) | Abb. 4: Gustav J. Essinger. (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, S7B1998/1260) | Abb. 5: Archäologisches Museum Frankfurt.

Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars "Im Dienst der Gesellschaft. Die Geschichte Frankfurts als eine Geschichte seiner Museen" im WiSe 2013/14. Grundlage der gemeinsam zu entwickelnden und zu schreibenden Geschichten waren – waren die Museen der Moderne doch stets Institutionen von öffentlichem Interesse – sowohl historische Museumsführer wie Kommentare aus der Tagespresse der Zeit, Reiseberichte, in denen die Museen thematisiert werden, aber auch Archivalien aus dem Frankfurter Stadtarchiv. Methodisch flankiert wurde die Arbeit durch eine Auseinandersetzung mit aktuellen geschichtswissenschaftlichen Ansätzen der Museum Studies sowie der Geschichte des Sammelns. In der Zusammenschau sollen die Museumsgeschichten dann eine Geschichte Frankfurts als eine Geschichte seiner Museen ergeben. Judith Thomann studiert im 5. Fachsemester Fachjournalistik Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen.