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Die bewegte Gesellschaft. Von der Entstehung der Serienfotografie

Experimente | | von Johanna Zirwes

Verhauen eines Kindes Ein regungsloser Körper lässt sich problemlos mittels einer einzelnen bildlichen Aufnahme studieren. Aber genügt diese Methode noch bei der Untersuchung ganzer Bewegungsabläufe oder bedürfte es dafür eines gänzlich neuen Verfahrens?

Bei der vorliegenden Quelle handelt es sich um eine Aufnahme von insgesamt 18 einzelnen Sepia-Fotografien, die so angeordnet sind, dass jeweils sechs nebeneinander liegen und somit drei Reihen untereinander bilden. Dass es sich nicht um einen einzelnen Abzug handelt sondern um einzeln angeordnete Bilder, ist an den kleinen Unebenheiten in der Komposition der Fotografien zu erkennen.

Auf allen Fotografien ist dieselbe Personengruppe zu sehen: eine nackte Frau und ein nacktes Kind. Die Frau kniet, das rechte Schienbein auf dem Boden ruhend, das Kind liegt bäuchlings über ihrem – zum Boden parallel positionierten – linken Oberschenkel, das Gesicht zur Außenseite der Frau gerichtet. Die Bilder sind auf diese beiden Personen beschränkt, lediglich in einigen wenigen Bildern ist eine Umgebung, vermutlich ein Gehweg neben einem Beet, zu erahnen.

Jede Aufnahme zeigt die Personengruppe aus einer anderen Perspektive, als hätte die Kamera Frau und Kind umrundet, während die Bilder aufgenommen wurden. Bis auf einen enormen Sprung vom zwölften zum 13. Bild, der dadurch zu erklären ist, dass einige Bilder dieser Serien nicht mehr vorhanden sind oder bewusst ausgelassen wurden, bleibt die Bewegung konstant. Die Ausgangsposition der Personengruppe bleibt immer gleich, jedoch verändert sich die Bewegung des rechten Arms der Frau und dadurch ebenso die ihres Oberkörpers. Im ersten Bild hält sie den Arm so, dass ihre Handinnenfläche ungefähr zehn Zentimeter von dem Gesäß des Kindes entfernt ist. In der ersten Hälfte des Zyklus bewegt sie ihren Arm in einer ausholenden Bewegung von dem Kind weg, um ihn schließlich in der zweiten Hälfte wieder zum Kind hinzubewegen. In Betrachtung des ganzen Zyklus ergibt sich die Andeutung der Darstellung einer Frau, die ein Kind auf das Gesäß schlägt. Der Zyklus endet dort, wo er angefangen hat. Der vom Betrachter erwartete Kontakt wird nicht dargestellt.

Es handelt sich bei dieser Aneinanderreihung von Fotografien um ein Beispiel der Serienfotografie, wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde. Statt einer einzelnen Momentaufnahme wurde eine Situation in mehreren Bildern festgehalten, entweder mittels einzeln arrangierter Standbilder oder als vollständig durchgespielte Szene mit Hilfe mehrerer Kameras, die zu unterschiedlichen abgepassten Zeitpunkten ausgelöst wurden, sodass es möglich war, Bewegungen fotografisch festzuhalten. Im nächsten Schritt konnten die Bilder, vermutlich mittels einer Art Spule, hintereinander abgespielt werden, sodass ein bewegtes, nie endendes, Bild erzeugt wurde – die erste Form des bewegten Bildes.

Die Szene dieser Serienfotografie stellt eine Mutter dar, die ihr Kind auf die altbekannte Art und Weise "über’s Knie legt". Die Nacktheit der beiden Personen ist aus mehreren Gründen erklärbar: Die unbekleidete Darstellung eines Menschen befreit diesen von allen gesellschaftlichen Konventionen. Die abgebildeten Personen sind keiner bestimmten sozialen Schicht zuzuordnen; ob arm oder reich ist weder zu erkennen noch relevant. Dadurch findet ebenso ein Prozess der Anonymisierung statt. Des Weiteren deutet Nacktheit auf eine Reduzierung des Bildinhaltes hin. Weder kann der Betrachter durch Kleidung abgelenkt werden noch entsteht die Möglichkeit, dass Details verdeckt werden. Zudem waren die Möglichkeiten der Fotografie sehr eingeschränkt. Die Qualität sowie die Begrenzung auf Darstellungen in schwarz-weiß oder sepia verlangten nach starker Kontrastgebung, die bei menschlichen Körpern durch Nacktheit am Effektivsten dargestellt werden konnte.

Es scheint abwegig, dass eine derart komplizierte Aufnahme spontan entwickelt wurde. Die Bewegungen der Modelle mussten genauestens einstudiert oder die Handlung viele Male wiederholt werden, damit ein fließender Ablauf möglich war. Zusätzlich unterstützt wird diese Annahme dadurch, dass die Aufnahmen aus mehreren Durchgängen zusammengesetzt sind. An den Fotografien der mittleren Reihe ist zu beobachten, dass sich die Ausrichtung der Frau geändert hat. Kniete sie in den Bildern der oberen Reihe mit ihrer rechten Seite zum Rand eines Gehwegs hingewandt, so ist ab der mittleren Reihe zu sehen, wie ihre linke Seite zu eben diesem Rand hin ausgerichtet ist.

Durch die genaue Darstellung der Situation unter zusätzlicher Berücksichtigung der Beschränkung des Bildinhaltes auf diese beiden Körper ist zu schließen, dass diese Szene zu wissenschaftlichen Zwecken entwickelt wurde. Im Studium der Anatomie und der Medizin waren solche Bewegungsstudien ein Fortschritt von unschätzbarem Wert, da es durch sie zum ersten Mal möglich war, Bewegungen fotografisch festzuhalten und somit als Lernmedium zeitlich unbegrenzt zu benutzen. Eine Bewegung wurde nicht nur ununterbrochen dargestellt, sondern war auch noch aus mehreren Perspektiven zu betrachten. Die Aufnahmen hatten den Vorteil, dass die Bewegungen immer gleich blieben, sich also der Gegenstand der Beobachtung nicht verändern konnte, wie es zum Beispiel bei Personen, die Modell stehen, denkbar wäre, sei es durch Ermüdung, wodurch präzise wissenschaftliche Forschung unmöglich würde. Ebenso konnte eine Bewegung beliebig schnell oder langsam abgespielt werden, um so die Details der Bewegung zur Genüge betrachten zu können. Was bei einer einzigen Momentaufnahme nicht vollständig zu erkennen war, wie zum Beispiel das Zusammenspiel der Muskeln, konnte nun detailliert dargestellt werden.

Bildzitat/-nachweis: Eadweard Muybridge: Verhauen eines Kindes. 1887. Lichtdruck, in: Fotografie und das Unsichtbare, 1840-1990, hrsg. v. Corey Keller, Wien 2009, Abb. 77.

Dieser Text entstand im Rahmen der Übung "Bilder erzählen" im SoSe 2012. Aufgabe war das Verfassen von wissenschaftlich argumentierenden Texten über visuelle Quellen, die ohne konkrete Quellenangaben zur Verfügung gestellt wurden und zu denen nicht weiter recherchiert werden sollte. Johanna Zirwes studiert im 2. Fachsemester Geschichte an der WWU Münster.