{ laboratorium für geschichte }

laboratorium für geschichte

Es kracht und knarzt. Wie Polarforscher Fridtjof Nansen das Eis bezwingt

Experimente | | von Anne Klatt

Eispressung Expeditionen in die Polarregionen waren gefährlich und sind es noch heute. Dabei sind es nicht allein die Temperaturen, die den Menschen zu schaffen machen können: das größte Risiko bergen die Eismassen.

Welche zerstörerische Kraft diese Gebilde haben können, bekamen vor allem die ersten Seeleute zu spüren, die sich durch das Eismeer durchzukämpfen versuchten. Dies wusste auch der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen, der 1893 mit dem eigens dafür entworfenen Schiff Fram aufbrach, um – die natürliche Eisdrift ausnutzend – den Nordpol zu erreichen. Er plante demnach ganz bewusst, trotz des großen Risikos für Schiff und Besatzung, die Fram einfrieren zu lassen und so mit den Eisschollen gen Norden zu treiben. Zunehmend berichtet er in seinen Tagebucheinträgen von Eispressungen, die sich mit ohrenbetäubendem Lärm und heftigen Beben dem Schiff näherten und die Mannschaft Tag um Tag im Ungewissen über ihre Sicherheit ließ. Bei jeder Eispressung musste mit der Zerstörung der Fram gerechnet werden, was die Mannschaft in eine permanente Hab-Acht-Stellung versetzte: ein rasches Verlassen nur mit dem notwendigsten Gepäck musste jederzeit möglich sein.

Auf dem Bild ist die vom Eis eingeschlossene Fram zu sehen. Das Bild wird von den weißen Massen beherrscht: sowohl auf Deck und den dunkel in die Höhe ragenden Masten der Fram als auch ums Schiff herum türmen sich Eisberge. Den Mittelpunkt bilden dabei die spitzen, gigantischen Eisformationen, die sich bedrohlich von rechts dem Schiff entgegendrücken. Die Kanten dieser Eisblöcke leuchten in einem hellen Weiß auf, während der Rest des Bildes in Grautönen liegt. Links neben dem Schiff sind Schlitten mit Ausrüstung und einzelne Messgeräte zu erkennen. Menschen sind nicht zu sehen. Die scharfkantigen und ungleichmäßig gebrochenen Eisschollen, die das Schiff fast vollständig bedecken, verbildlichen genau die Berichte, die Nansen zu den Eispressungen verfasst hat. Er schildert das entsetzliche Krachen und beschreibt Ächzen des Holzschiffes, das diesen Kräften ausgesetzt war.

Dass das Eis nicht starr ruht, wird durch die Eismassen, die das Schiff unter sich begraben, offenbar; die Szenerie könnte jeden Moment durch erneuten Eisdruck verändert werden, mit Sicherheit auch ein Grund, weshalb der Fotograf einen großzügigen Sicherheitsabstand zu Eis und Schiff wählte. Die erschwerten Bedingungen, denen die Polarforscher durch das kalkulierte Festsitzen im Eise ausgesetzt waren, waren weitestgehend zuvor bekannt. Das nicht seltene tragische Schicksal vorheriger Polarexpeditionen, deren Schiffe den Eisdruck nicht überstanden hatten und damit das Schicksal der gesamten Mannschaft besiegelten, war der Besatzung durchaus bekannt. Sie konnte somit Vorkehrungen zur Rettung treffen. Links neben dem Schiff sind auf dem Eis Teile der Ausrüstung ordentlich zusammengepackt. Die Mannschaft selbst scheint sich so weit wie möglich von den Eispressungen fernzuhalten, um nicht in Gefahr zu geraten. Der Fotograf wollte diese gewaltigen, meterhohen Eisberge anhand des ebenso großen Schiffes in Szene setzen. Die kompromisslose Unbezwingbarkeit des Nordpols verhärtet sich, das bedrückende Gefühl der Machtlosigkeit breitet sich aus. Diese Aufnahme lässt keinen Zweifel mehr an der Gewalt und Kraft des Eises. Umso erstaunlicher ist es, dass Fridtjof Nansen und seine Mannschaft dieser aussichtslos scheinenden Situation entkommen konnten: Nach einer Zeit der Gewöhnung sieht er das Eis nicht mehr als unüberwindbar an, lacht gar über die "Gewalt des Eises". Ein Teil der Mannschaft begibt sich zu Fuß auf die Reise zum Nordpol, während der andere auf der Fram auf die Befreiung aus dem Packeis wartet. Auch wenn der Pol nicht erreicht wurde, war das Eis am Ende der Expedition besiegt.

Bildzitat/-nachweis: Die "Fram" nach der Eispressung (10. Januar 1895), in: In Nacht und Eis. Die Norwegische Polarexpedition 1893-1896, von Fridtjof Nansen, 2 Bde., Erster Bd., Leipzig 1897, nach S. 504.

Dieser Text entstand im Rahmen der Übung "Bilder erzählen" im SoSe 2012. Aufgabe war das Verfassen von wissenschaftlich argumentierenden Texten über visuelle Quellen, die ohne konkrete Quellenangaben zur Verfügung gestellt wurden und zu denen nicht weiter recherchiert werden sollte. Anne Klatt studiert im 4. Fachsemester Geschichte an der WWU Münster.