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Fotografien als Ausdruck des Glaubens

Experimente | | von Francesca Mauri

Frauenfotografie Die Kultur der Schutzengel ist schon seit Jahrhunderten tief in der christlichen Gesellschaft verankert. Sie gelten als Gestalten der Fürsorge für Gläubige, nehmen diese unter ihre Obhut. Auch heute noch glauben fast zwei Drittel der Deutschen an diese Beschützer – und dies im Einklang mit der Kirche. Denn der Glaube an einen persönlichen Schutzengel steht nicht im Widerspruch zur kirchlichen Lehre. Sich als Bestätigung seines Glaubens mit einem beziehungsweise "seinem" göttlichen Begleiter ablichten zu lassen, ist keine Häresie. Es ist vor allem eine Glaubenssache.

Die abgebildete Silbergelatine-Fotografie zeigt eine Frau in Begleitung einer geisterhaften Gestalt. Die Frau im rechten Bereich des Fotos ist mittleren Alters und hat dunkle Haare. Um den Hals trägt sie ein schwarzes Band mit einem Medaillon in der Mitte. Hieraus lässt sich schließen, dass sie einer gehobenen Gesellschaftsschicht zuzurechnen ist. Des Weiteren trägt sie einen dunklen, einfarbigen Rock, der in der Taille sitzt, und dazu eine aufwendig bestickte Bluse, die im Bereich der Brust gerafft ist. Ihre Haare sind zu einem Knoten zusammengebunden; sie scheint ungeschminkt. Sowohl Frisur als auch Kleidung sitzen korrekt: der Rock ist akkurat gebügelt, aus der Frisur fällt keine Haarsträhne ins Gesicht. Ihre dunklen Haare und die ebenfalls dunkle Kleidung könnten ein Indiz dafür sein, dass sie aus dem Mittelmeerraum stammt; beides ist für die Region üblich. Es ist ein leichtes Lächeln in ihrem Gesicht zu erkennen, wenn auch sonst keine starke Mimik oder Emotion sichtbar ist. Sie sitzt auf einem Armstuhl, hat ihren rechten Arm auf der Lehne abgestützt, ihre Wange schmiegt sich an die Finger ihrer rechten Hand. Der andere Arm liegt entspannt auf dem Schoß. Sitzhaltung wie Mimik sind durchaus üblich für Portraits.

Im linken Bereich der Fotografie ist schemenhaft eine Gestalt mit weiblichen Zügen zu erkennen, die in ein weißes, schleierähnliches Gewand eingehüllt ist. Dieses umgibt auch ihren Kopf, sodass der Fokus auf das Gesicht gelenkt wird. Da die Gestalt etwas höher im Bildraum platziert ist als die sitzende Frau, in deren Richtung sie schaut, entsteht der Eindruck, als wache sie über ihr. Hinzu kommt ein hellerer Lichtfleck, der über der Frau positioniert ist und den Anschein eines Heiligenscheins erweckt. Beide Figuren nehmen ungefähr den gleichen Raum in der Fotografie ein.

Um ein solches Foto zu "machen", bedarf es viel Arbeit. Das gleiche Negativ wird, jeweils mit der Hälfte der Belichtungsdauer, zweimal belichtet: die sogenannte Doppelbelichtung. Verschiedene Ebenen werden so in nur einem Bild festgehalten, Menschen können – wie auf dieser Fotografie – miteinander in Bezug gebracht werden. Bezüglich unserer Fotografie ist davon auszugehen, dass es sich nicht um einen wahren Engel oder Geist handelt, der zufällig während des Fotografierens vorbei schwebte. Vielmehr handelt es sich um eine Inszenierung, die großer fotografischer Kenntnisse bedarf.

Warum wird eine solche Aufnahme gemacht und was soll sie aussagen? Auf Grund des weißen Gewandes hat die geisterhafte Gestalt eine positive Wirkung auf den Betrachter, sodass hier durchaus von einem Schutzengel die Rede sein kann. Es ist denkbar, dass der Engel eine verstorbene Verwandte ist, da sie in ihrem nicht mehr irdischem Sein Weiß trägt, während die Frau auf dem Stuhl schwarz gekleidet ist. Auch durch die höhere Position im Bild und dem zugewandten Blick der Gestalt wird diese These bestärkt. Da die Frau sichtbar zufrieden und entspannt auf ihrem Armstuhl sitzt, wirkt es, als würde sie wissen, dass sie von einem himmlischen Beschützer behütet wird. Der Gesamteindruck des Bildes ist ruhig und besonnen, Trauer und Tod finden hier keinen Raum.

Ein möglicher Grund für diese Fotografie könnte sein, dass der Frau gerade ein lebensveränderndes Erlebnis widerfahren ist, sie sich von einem Schutzengel beschützt gefühlt hat und dieses Gefühl nun durch eine Aufnahme dieser Art zum Ausdruck bringen möchte. In den vergangenen Jahrhunderten war es üblich, sich gleichgeschlechtliche Schutzpatrone zu suchen und sich mit ihnen und ihrem Schicksal zu identifizieren. So ergibt sich, dass es sich hier um eine wohlgesonnene verstorbene Verwandte handelt, die aus dem Himmel ihre schützende Hand über sie hält. Eine Fotografie mit "ihrem" Schutzengel wird somit zum Ausdruck von Dankbarkeit und ist ein starker Beweis von Religiosität.

Bildzitat/-nachweis: William J. Pierce: Einzelbild aus dem Album Spirit Photographs (Geisterfotografien) um 1903, Silbergelatinepapierabzüge, in: Fotografie und das Unsichtbare, 1840-1990, hrsg. v. Corey Keller, Wien 2009, Abb. 146.

Dieser Text entstand im Rahmen der Übung "Bilder erzählen" im SoSe 2012. Aufgabe war das Verfassen von wissenschaftlich argumentierenden Texten über visuelle Quellen, die ohne konkrete Quellenangaben zur Verfügung gestellt wurden und zu denen nicht weiter recherchiert werden sollte. Francesca Mauri studiert im 4. Fachsemester Geschichte und Arabistik/Islamwissenschaft an der WWU Münster.