{ laboratorium für geschichte }

laboratorium für geschichte

Museum ohne Raum. Platzmangel als zentraler Aspekt der Geschichte des Historischen Museums Frankfurt

Experimente | | von Michael Frammelsberger

  1. Abbildung 1: Lageplan des Historischen Museums Frankfurt (oben Neubau) in altem Stadtplan eingezeichnet, 2013 im Museum ausgestellt, online unter http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Erweiterungsneubau-Historisches-Museum-Frankfurt-Lageplan-Ffm-652.jpg.
  2. Brief von Dr. Rapp an das Kulturamt (1.7.1944), Institut für Stadtgeschichte Frankfurt III/15 – 1996, Historisches Museum 109/2001.
  3. Ebd.

Erweiterungsneubau&Historisches&Museum&Frankfurt 1 "Das Stadtgeschichtliche Museum hat bei den Bombenangriffen vom 18. bis zum 24. März seine sämtlichen Häuser verloren bis auf einen Rest im sogenannten Archivgebäude",2 schrieb der Kustos und spätere stellvertretende Direktor des Museums, Dr. Albert Rapp, im Juli 1944 an das Kulturamt. Frankfurt wurde im März 1944 Ziel mehrerer schwerer Bombenangriffe, ein Großteil der Stadt lag in Trümmern, tausende Menschen waren gestorben, zehntausende obdachlos. Das Museumspersonal hauste im ebenfalls beschädigten Früh- und Vorgeschichtlichen Museum, um von dort aus den Ruinen mögliche Museumsgegenstände zu bergen. Die beiden notdürftigen Zimmer stellten allerdings, "bei Regenwetter eher eine Berieslungsanlage als eine Unterkunft" dar.3

  1. Schreiben des Kulturamt an das Besatzungsamt (7.9.1945), IfS III/15 – 1996, Historisches Museum 109/2001.

Folge der Luftangriffe war eine jahrelange Raumnot des Museums, die die Mitarbeiter noch sehr beschäftigen sollte. Während des Krieges waren einige Ausstellungsgegenstände in Kellern der Stadt untergebracht, ein weiterer großer Teil der Sammlung außerhalb eingelagert, sollte jedoch so schnell wie möglich nach Frankfurt zurückgebracht werden. Denn die zur Lagerung genutzten Depots waren aufgrund hoher Feuchtigkeit ungeeignet und wurden teilweise geplündert.4 Die Frage war nur: Wohin mit den ganzen Gegenständen?

Die Problematik des damaligen Stadtgeschichtlichen Museums gegen Ende des Zweiten Weltkrieges verdeutlicht ein in der Museumsgeschichte nur wenig beachtetes Thema, erscheint es doch als zu trivial: Ein Museum braucht nicht nur ein Konzept und dazu passende Exponate, zu allererst braucht es ein Gebäude, in dem es seine Sammlung präsentieren kann. Ein Museum kann sich nur soweit entfalten, wie es die räumlichen Grenzen zulassen. Die Geschichte des Historischen Museums war in der Nachkriegszeit von diesem Problem geprägt. Jahrelang war es ohne eigenes Gebäude. Siebzig Jahre nach Kriegsende wird nun schon zum zweiten Mal an einer neuen Heimat für das Museum gebaut. In diesem Essay rücken die Geschichte dieser Raumnot und die Lösungsversuche aus den letzten Jahrzehnten in den Fokus.

  1. Mitteilung des Kulturamts an das Stadtgeschichtliche Museum (12.7.1945), IfS III/15 – 1996, Historisches Museum 109/2001.
  2. Schreiben von Dr. Rapp an den Oberbürgermeister (7.11.1945) und dessen Antwort (10.1.1946), IfS III/15 – 1996, Historisches Museum 109/2001.

Nach Kriegsende war das Museum zunächst weiterhin zusammen mit dem Vor- und Frühgeschichtlichen Museum im beschädigten ehemaligen Dominikanerkloster untergebracht, in das man sich nach der Bombardierung geflüchtet hatte. Da dort ein erheblicher Platzmangel herrschte, bot Rapp dem Kulturamt sogar an, die Museumsverwaltung in seiner privaten Wohnung unterzubringen, was allerdings abgelehnt wurde.5 Die Museumsleitung entschloss sich nun dazu, ehemalige Luftschutzbunker für die Unterbringung der Museumsgegenstände zu nutzten. Gegen Ende Jahres 1945 erhielt das Stadtgeschichtliche Museum Platz in eigenen Bunkern zugeteilt, zu Beginn des neuen Jahres wurde der Name des Museums auf Antrag Rapps wieder in Historisches Museum geändert.6

Da zahlreiche staatliche und private Einrichtungen in Frankfurt nach intakten Räumlichkeiten suchten, um ihre Arbeit wieder aufnehmen zu können, waren Bunker nach Kriegsende begehrte Gebäude. Für das Historische Museum war es nicht einfach, entsprechende Anlagen zu bekommen: Die zuständigen Behörden, wie das Wohnungs- und das Besatzungsamt, nahmen ihre Versprechungen immer wieder zurück und vergaben die vorgesehenen Bunker an andere Institutionen. Rapp fasste seine Probleme bei der Suche nach nutzbarem Raum in einem Brief an den Oberbürgermeister Ende Februar 1946 zusammen:

  1. Brief von Dr. Rapp an den Oberbürgermeister (27.2.1946), IfS III/15 – 1996, Historisches Museum 109/2001.

"Um die Unterbringung der rückzuführenden Gegenstände in Bunkerräume hatte ich mich als erster der hiesigen Museumsleiter bemüht, und zwar verhandelte ich wegen des Bunkers an der Friedberger Anlage […]. Fast zwei Monate nach der Anmeldung meines Anspruchs auf den Bunker wurde ich dann in der Besprechung der inzwischen zusammengetretenen Interessenten überstimmt und musste mich mit dem weit ungünstiger liegenden Bunker Petterweilstrasse begnügen. Nachdem es uns unter erheblichen Mühen gelungen war, diese Gebäude von einer dorthin gelegten Einquartierung zu befreien und mit sicheren Schlössern zu versehen, wurde es uns durch das Fürsorgeamt wiederum genommen […]. Als Ersatz wurde ein Bunker in Griesheim angeboten […]. Heute erfahre ich durch das Besatzungsamt, dass das Fürsorgeamt auch nicht auf den Griesheimer Bunker zu verzichten gedenkt, sodass jetzt für die Rücktransporte des Stadtgeschichtlichen Museums überhaupt kein Raum zur Verfügung steht."7

  1. Schreiben der Firma Telefonbau und Normalzeit ans Historische Museum (20.5.1946), IfS III/15 – 1996, Historisches Museum 109/2001.
  2. Mitteilung des Kulturamts an das Historische Museum betreffs Haushaltsplan (29.3.1944), IfS III/15 – 1996, Historisches Museum 109/2001.
  3. Mitteilung des Hauptverwaltungsamts an das Kulturamt (10.9.1946), IfS III/15 – 1996, Historisches Museum 109/2001.
  4. Mitteilung des Sonderbeauftragen der Hessischen Regierung an das Kulturamt (11.9.1947), IfS III/15 – 1996, B Historisches Museum 109/2001.
  5. Schreiben des Historischen Museums an das Kulturamt (22.9.1947), IfS III/15 – 1996, Historisches Museum 109/2001.

Schlussendlich durfte das Historische Museum den Bunker in Griesheim behalten; die Museumsmitarbeiter machten sich daran, ihn als Lagerraum nutzbar zu machen. Wichtigster Punkt war die Sicherheit. Es wurden Wachposten und eine Notrufanlage beantragt, wobei letztere nicht geliefert werden konnte.8 Außerdem standen diverse Sanierungen an, da der Bunker nicht dicht war und weder Licht, Belüftung oder Heizung funktionierten.9 Doch blieben die Lagerräume auch durch die Entscheidungen der politischen Machthaber strittig: Erst beschlossen die Besatzungsmächte im Zuge der Demilitarisierung Deutschlands alle Bunker zu sprengen, was jedoch aufgrund der Raumnot bald wieder verworfen wurde.10 Danach wollte die Militärverwaltung 400 Flüchtlinge aus Polen in eben diesem Bunker einquartieren,11 was wiederum durch einen Einspruch der Museumsleitung verhindert werden konnte.12 Nachdem die Einlagerung der Museumsbestände abgeschlossen war, richtete sich die Aufmerksamkeit der Museumsleitung auf den Erwerb eines neuen Museumsgebäudes, doch sollte das altehrwürdige Historische Museum noch lange als Provisorium weiterbestehen.

  1. Manfred Kittel, Marsch durch die Institutionen? Politik und Kultur in Frankfurt nach 1968, München 2012, S. 127.
  2. Rede von Dr. Edith Welker, Reden zur Feierstunde anläßlich des 120jährigen Jubiläums der Historisch-Archäologischen Gesellschaft Frankfurt am Main am 26. Januar 1997 im Kaisersaal des Römers. O.O. u. o.J., Bibliothek des IfS, S. 9.
  3. Detlef Hoffmann, „Ein demokratisches Museum: Geschichte und Konzeption“, in: ders. (Hg.), Geschichte als öffentliches Ärgernis. Oder: Ein Museum für die demokratische Gesellschaft, Fernbach 1974, S. 15-24, hier S. 15.

1878 eröffnet – und damit zwölf Jahre nachdem die einstmals "Freie Stadt Frankfurt" von Preußen annektiert worden war – zeigte das Historische Museum in seinen Gründungsjahren vor allem Gemälde und Grafiken, Kunsthandwerk wie Möbel, Glas und Keramik, aber auch völkerkundliche Objekte; es war demnach eher ein kulturhistorisches Museum. Die ersten Ausstellungsgegenstände waren Geschenke der Stadt, des Altertumsvereins und der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft. Im Großen und Ganzen wirkte das Museum wie ein "Tempel reichsstädtischer Herrlichkeit"; die Gründung selbst wird als anti-preußischer Reflex des Bildungsbürgertums gedeutet.13 In seinen ersten Jahren erhielt es starke Unterstützung aus der Bevölkerung, die auch für die Gründung des Museums selbst verantwortlich zeichnete: Das Bedürfnis war groß, die eigene Vergangenheit als unabhängige Stadt zu dokumentieren. Daher stifteten die wohlhabenden Bürger Frankfurts zahlreiche Exponate wie Gemälde, Porzellan und Möbel. Darüber hinaus entstand ein großer Verein für das Historische Museum, der 1902 bereits 462 Mitglieder zählte.14 Untergebracht war das Historische Museum zunächst im sogenannten Archivgebäude am Weckmarkt. Direkt nebenan fand sich das im 14. Jahrhundert errichtete Leinwandhaus, das ebenfalls zu den Räumlichkeiten des Museums zählte und wie das Hauptgebäude extra für die neue Nutzung umgebaut wurde. Allerdings reichten diese Räumlichkeiten dem Museum bald nicht mehr aus. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurden weitere Außenstellen in der Stadt bezogen, so beispielsweise die Dominikanerkirche.15

  1. Anke te Heesen, Theorien des Museums, Hamburg 2012, S. 59.
  2. Ebd., S. 52.
  3. Ebd., S. 59f.

Neben dem spezifischen Anlass der Erinnerung an die eigene Vergangenheit als freie Stadt, ging die Eröffnung des Museums auch auf das Entstehen eines tieferen Geschichtsbewusstseins in der Bevölkerung des 19. Jahrhunderts zurück. Das Historische Museum reiht sich ein in eine europaweite Welle von Gründungen neuer historischer Museen, wie das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg 1852, das Landesmuseum 1862 in Stuttgart oder das Nordiska Museet 1872 in Stockholm, die auf mehrere Ursachen bzw. Anlässe zurückzuführen sind.16 Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich die Museen aus den Kunst- und Kuriositätenkabinetten der Fürsten entwickelt, die neuen Kunst- und Naturkundemuseen sollten der Bildung der Bevölkerung und der Wissenschaft dienen.17 Bei den historischen Museen kommt noch verstärkt die Entwicklung der Nationalstaaten dazu: Die neuen Museen zeigen die Entwicklung einer regionalen Kulturgemeinschaft, untermauert durch historische Objekte. Sie wirkten damit identitäts- und nationsstiftend.18

  1. Prof. Dr. Rainer Koch, Das Historische Museum der Stadt Frankfurt am Main und seine Sammlungen, Festvortrag zur Feierstunde anläßlich des 120jährigen Jubiläums der Historisch-Archäologischen Gesellschaft Frankfurt am Main am 26. Januar 1997 im Kaisersaal des Römers. O.O. u. o.J., Bibliothek des IfS, S. 22-24.

Nach dem Ersten Weltkrieg geriet das Historische Museum Frankfurt in eine ernsthafte Krise. Seine Ästhetik sah sich der Kritik der neuen kulturellen Avantgarde und des "Neuen Frankfurts" ausgesetzt, eines Stadtplanungsprogramms unter der Regie des Architekten Ernst May, das zwischen 1925 und 1930 alle stadtgestalterischen Bereiche berührte und durch sein Wohnungsbauprogramm neue ästhetische Maßstäbe setzte. Das Historische Museum* galt nun als ein Ort der als kleinbürgerlich empfundenen Heimatbindung. In Konsequenz musste das Historische Museum einen Großteil seiner kostbarsten Sammlungen an andere Frankfurter Museen abgeben – die wertvollen Gemälde aus dem Mittelalter und der Renaissance gingen beispielsweise an das Städel-Museum. Im neuen Museumskonzept der Stadt sollte das Museum nun die stadtbauliche Entwicklung Frankfurts bis zum damals beginnenden Siedlungsbau darstellen. Zudem sollte es als Archiv wirken.19

  1. Ebd., S. 25f.

Auch in der Zeit des Nationalsozialismus hatte das Museum einen schweren Stand, geriet es doch zunehmend unter Druck, die völkische Weltanschauung und Rassenideologie der NSDAP auszustellen, wogegen sich die Museumsleitung wehrte. Das Museum wurde schließlich 1934 in Stadtgeschichtliches Museum umbenannt und von Ernstotto zu Solms-Lauterbach übernommen. 1937 musste das Museum weitere Bestände an das neugegründete Museum für heimische Vor- und Frühgeschichte abgeben, außerdem gab es bereits erste Pläne, das Karmeliterkloster für ein Heimatmuseum zu nutzen, die jedoch nicht verwirklicht wurden. Der neue Direktor war zwar Mitglieder der SA, enttäuschte die Machthaber aber aufgrund seines Verhaltens während der Reichspogromnacht 1938: Als die SS das jüdische Gemeindehaus und das Jüdische Museum stürmte, erschien er mit Kustos Albert Rapp mit einem Lkw, um die jüdischen Kulturgüter zu retten und ins Historische Museum zu überführen. 1941 wurde zu Solms-Lauterbach zur Wehrmacht einberufen und Heinrich Bingemer übernahm zusammen mit Albert Rapp die Leitung des Museums.20

  1. Ebd., S. 26f.

Nachdem sich das Historische Museum nach dem Krieg im teilweise zerstörten Dominikanerkloster niedergelassen hatte und mit der Rückführung und Aufarbeitung der Bestände im Griesheimer Bunker begann, wurde es von 1948 bis 1953 vom Kulturamt wieder mit dem Museum für heimische Vor- und Frühgeschichte fusioniert, um so eine Direktorenstelle einzusparen. Im Jubiläumsjahr sollte das Museum mit einer Ausstellung zur 1848er Revolution auf sich aufmerksam machen, die aufgrund wiederholter Bitten des Oberbürgermeisters trotz erheblicher Schwierigkeiten in der Paulskirche realisiert wurde. 1953 wurden dann die Früh- und Vorgeschichtliche Ausstellung und das Münzkabinett in das Holzhausenschlösschen ausgelagert.21

Das Platzproblem des Historischen Museums wurde in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings nicht nachhaltig gelöst. Zwar konnte der normale Ausstellungsbetrieb wieder aufgenommen werden, es fehlte jedoch weiterhin ein eigenes Gebäude. Seit 1954 war das Museum in einigen Räumen des Saalhofes untergebracht, einem im Krieg weitestgehend zerstörten historischen Gebäudekomplex, der auf einer staufischen Burg basierte, an die über die Jahrhunderte immer wieder Teile angebaut wurden. Außerdem hatte das Museum 1968 noch einige Räume in der ehemaligen Rothschildbibliothek erhalten, womit es nun über drei unterschiedliche Gebäude in der Stadt verstreut war. 1955 bis 1959 wurde das Museum von Gerhard Bott geleitet, danach begann die bis 1982 andauernde Ära des Direktors Hans Stubenvoll, dem es gelang, den Neubau des Museums durchzusetzen.

  1. Kittel, Marsch durch die Institutionen, S. 127.
  2. Hoffmann, Demokratisches Museum, S. 20f.

Zwar hatte es seit den 1950er Jahren Pläne und sogar konkrete Architekturpläne für den Neubau des Museums gegeben, umgesetzt wurden sie aber erst Ende der 1960er Jahre. Die Pläne wurden massiv vom Verein Neubau des Historischen Museums unterstützt, der eine Millionen Mark sammelte. Außerdem beteiligte sich die Sparkasse Frankfurt mit fünf Millionen Mark. Anvisiertes Ziel des Museumsneubaus und der neuen Konzeption war es, den Besuchern gezielte Einblicke in die Geschichte zu geben, die auf einem neuen didaktischen Konzept basierten. Das Museum sollte nicht mehr nur einfach Exponate ausstellen.22 Mit der Planung des Neubaus wurde der Designer Prof. Herbert Kapitzki betraut. Sein Konzept sah vor, den Saalhof, in dem das Museum bereits untergekommen war, durch einen großen Anbau aus Beton zu erweitern. Die Planung dauerte einige Zeit, da Kapitzki alle Schritte mit der Museumsleitung absprach, allerdings überließ man ihm bei Unstimmigkeiten letztendlich die Entscheidung.23

  1. Kittel, Marsch durch die Institutionen, S. 125f.

Der Neubau des Historischen Museums fiel in eine Phase, in der Museen zu einem wichtigen politisches Thema wurden: Der Städtetag und die Kultusministerkonferenz hatten 1969 gemeinsam eine "Empfehlung zum Bildungsauftrag der Museen" verabschiedet, in der sie beklagten, dass die deutschen Museen in ihrer Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt seien, da die meisten Sammlungen nur behelfsmäßig ausgestellt würden. Die Museen sollten nun ihren Bildungsauftrag stärker wahrnehmen und mehr Besucher anlocken. Das Hauptaugenmerk sollte nicht mehr auf dem wissenschaftlichen Sammeln und Katalogisieren liegen, sondern auf dem Aufbau eines didaktischen Konzepts, dass eine Reflektion beim Publikum auslösen sollte.24

  1. Ebd., S. 128f.

Hoch umstritten war in Frankfurt der Wunsch des Museumsdirektors Stubenvoll und einiger SPD-Politiker, der Geschichte der Arbeiter im Museum Raum zu geben, die zudem der marxistischen Geschichtsschreibung folgend erzählt werden sollte. So sollte zum Beispiel auf Wunsch des SPD-Politikers Herbert Stettner bei der Darstellung des Fettmilchaufstands von 1613 der "Klassenkampfcharakter des damaligen Kleinbürgeraufstands" besonders betont, bei der 1848er-Revolution wiederum die Haltung des "arbeiterfeindlichen Frankfurter Senats" gezeigt werden. Diese Vorschläge lösten einen breiten Widerspruch in eher konservativen Kreisen aus, die Stettner vorwarfen, historische Fakten durch marxistische Ideologie zu ersetzen.25

  1. Ebd., S. 132ff.
  2. Ebd., S. 150f.

Trotz dieser Grabenkämpfe gab es nach der Eröffnung des Museums 1972 in der Presse viel Lob über das neue didaktische Konzept, dass die Entwicklung Frankfurts eingebettet in die Geschichte Deutschlands bis ins 20. Jahrhundert hinein beleuchtete. Allerdings entwickelte sich schnell eine öffentliche Kontroverse über zahlreiche Texttafeln der neuen Dauerausstellung, die das Historische Museum noch monatelang in die Schlagzeilen brachte. So gab es Texttafeln, die das Rätesystem der Revolution 1918/1919 lobten, das demokratische System der Weimarer Republik dagegen in Frage stellten. Außerdem wurde zur Erläuterung des mittelalterlichen Feudalsystems auf Texte des KPD-Mitbegründers Otto Rühle zurückgegriffen, der über keine wissenschaftliche Reputation verfügte und einen marxistisch geprägten Blick auf das Mittelalter hatte. Die Streitigkeiten führten schließlich zu einer Änderung einiger Tafeln; der zuständige Kulturdezernent geriet im Stadtparlament bei mehreren Debatten stark unter Druck.26 Das Museum selbst fand sich bundesweit in den Schlagzeilen: Von der Zeit bis zum Spiegel berichten alle Wochenzeitschriften wie auch beide damals existierenden Fernsehsender über die Kontroverse.27 Immerhin war das Museum nun wieder im Fokus der Öffentlichkeit, das Problem der Raumnot schien gelöst, die Debatten verschoben sich vom Platzmangel hin zu fachlichen Fragen und sollten schließlich ganz verebben.

  1. Ebd., S. 167ff.
  2. Tobias Rösmann, „,Zeichen des Brutalismus’ verschwindet aus der Stadt“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.Februar 2005.

Das Historische Museum blieb allerdings in Fachkreisen als Ort marxistischer Ideologisierung verschrien, da nur ein kleiner Teil der umstrittenen Tafeln geändert wurde. Erst nachdem Direktor Stubenvoll das Museum 1982 verließ, wurden unter seinem Nachfolger Rainer Koch weitere Tafeln umgestaltet.28 2005 übernahm schließlich Jan Gerchow die Leitung des Museums mit dem Ziel, es in ein modernes Stadtmuseum umzugestalten. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde das zugrundeliegende Konzept von 1972 noch weiterverfolgt. Obwohl nun eigentlich ein intaktes Gebäude vorhanden war, dass über mehrere Jahrzehnte genutzt wurde, zeigt sich wieder der Aspekt der Raumnot in der Geschichte des Museums: Ein weiterer Neubau wurde von Stadt und Museumsleitung veranlasst. Der Grund dafür lag vor allem im Betonanbau aus den 1970er Jahren, der nicht nur in den Augen des Kulturdezernenten Semmelroth als "Zeichen von Brutalismus" gedeutet wurde. Der Neubau versprach zudem zusätzliche Ausstellungsflächen.29

  1. Das neue Museum. Broschüre o.O. u. o.J., S. 3, erhältlich im Historischen Museum Frankfurt.

Mit dem Neubau wird dem Museum erheblich mehr Platz zur Verfügung stehen. Verglichen zur Situation nach dem Zweiten Weltkrieg befinden sich die Verantwortlichen beim anstehenden Sprung vom Bau der 1970er Jahre hin zum Neubau jedoch in einer Luxussituation. Aus dem "Museum ohne Raum" ist praktisch ein "Museum mit zu wenig Raum" geworden, eine Situation, welcher die neuen Pläne Abhilfe schaffen sollen. Der Neubau ist als geschlossenes Ensemble geplant, bei dem der staufische Saalhof mit seinen Anbauten, dem Burnitz- und Bernusbau sowie der Rententurm, wieder mehr in den Mittelpunkt rücken. Mit dem alten Betonanbau war der Blick auf den Rententurm, der sich auf der Rückseite des Ensembles befindet, versperrt; nun soll er wieder sichtbar sein, da die neuen Anbauten niedriger geplant sind. Hinter dem Saalhofensemble am Mainufer schließt sich das erste neugebaute Gebäude an, das mit dem Saalhofkomplex ein U bildet. Hinter diesem U befindet sich der zweite Neubau, das sogenannte Ausstellungshaus. Zwischen beiden Neubauten befindet sich mit dem Museumsplatz eine Freifläche. Die beiden Neubauten sind unter dem Platz durch ein Kellergeschoss miteinander verbunden. Im Gegensatz zum alten Betonbau werden die Neubauten mit einer Sandsteinfassade mit Naturputz errichtet, die Dächer mit Schieferplatten gedeckt. Mit dieser Bauweise wollen sich Planer und Auftraggeber an die historischen Großbauten in der Altstadt annähern.30

  1. Ebd., S. 2.

Das Historische Museum strebt mit dem Umbau auch einen inhaltlichen Wandel an: vom historischen Fachmuseum zu einem Stadtmuseum, das auch aktuelle Themen aus Stadt und Region präsentiert. Die Zweigstellen Kindermuseum und das Museum für komische Kunst werden wieder räumlich ins Museum integriert. Waren es zuvor nur 3.200 Quadratmeter Ausstellungsfläche, stehen nach Fertigstellung der Bauarbeiten 6.000 Quadratmeter zur Verfügung, sodass zukünftig auch Wechselausstellungen möglich werden.31

Das umgebaute Saalhofensemble des Museums wurde 2012 wiedereröffnet, die restlichen Neubauten sollen spätestens 2017 folgen. Mit diesem Bau sollte das Museum 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eine langfristige Unterkunft gefunden haben. Vergleicht man den de facto Rückbau des Museums in den 1930er Jahren mit den großen Investitionen von heute, zeigt sich die unterschiedliche Wertigkeit der Museumsarbeit. Das Museum wird so zum Spiegelbild gesellschaftlicher Prozesse, das beispielsweise auch die starken Veränderungen in der Darstellungsweise der Museen aufzeigt, so beispielswiese den Wandel des Konzepts aus den 1970er Jahren, das sich grundlegend vom heutigen oder gar der Grundintention der Museumsgründung unterscheidet. Darüber hinaus werden auch differierende ästhetische Empfindungen offenbar, wenn etwas, das einst als modern und avantgardistisch galt, 40 Jahre später als Schandfleck wieder abgerissen wird.

Ein Museum kann sich nur soweit entfalten, wie es seine Räumlichkeiten zulassen. Bis in die 1970er Jahre war das Historische Museum mit seinen verstreuten Räumlichkeiten eher ein dauerhafter Notbehelf, das damals bahnbrechende neue Konzept wäre ohne den großen Anbau nicht möglich gewesen. Dreißig Jahre später ist auch dieses Konzept an seine Grenzen gestoßen und nicht mehr aktuell; für den Schritt vom Historischen zum Stadtmuseum braucht es mehr Platz. Vielleicht wird in einigen Jahrzehnten wieder eine große Neukonzeptionierung durchgeführt werden – man darf gespannt sein, ob das Museum dann wieder an seine räumlichen Grenzen stößt.

Bildnachweis: Abb. 1: Lageplan des Historischen Museums Frankfurt (oben Neubau) in altem Stadtplan eingezeichnet, 2013 im Museum ausgestellt, online unter http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Erweiterungsneubau-Historisches-Museum-Frankfurt-Lageplan-Ffm-652.jpg.

Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars "Im Dienst der Gesellschaft. Die Geschichte Frankfurts als eine Geschichte seiner Museen" im WiSe 2013/14. Grundlage der gemeinsam zu entwickelnden und zu schreibenden Geschichten waren – waren die Museen der Moderne doch stets Institutionen von öffentlichem Interesse – sowohl historische Museumsführer wie Kommentare aus der Tagespresse der Zeit, Reiseberichte, in denen die Museen thematisiert werden, aber auch Archivalien aus dem Frankfurter Stadtarchiv. Methodisch flankiert wurde die Arbeit durch eine Auseinandersetzung mit aktuellen geschichtswissenschaftlichen Ansätzen der Museum Studies sowie der Geschichte des Sammelns. In der Zusammenschau sollen die Museumsgeschichten dann eine Geschichte Frankfurts als eine Geschichte seiner Museen ergeben. Michael Frammelsberger studiert im 5. Fachsemester BA Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen.