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Pinke Container. Die Nachwehen der UdSSR in der Ukraine. Eine Fotografie als Dokument osteuropäischer Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert

Experimente | | von Jost Wagner

Basar farbig Als die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken am 21. Dezember 1991 aufgelöst wurde, stand eine riesige Bevölkerung einem neuen und lang bekämpften System gegenüber: dem Kapitalismus. Auch die heutige Ukraine war von diesem radikalen Wandel von der sozialistischen Planwirtschaft zur Marktwirtschaft betroffen. Für das Länderkonglomerat war das Ende der rund 69 Jahre andauernden gemeinsamen Diktatur, die ein vollkommen anderes politisches und kulturelles Weltbild vermittelte, als es der demokratische Westen tat, Krise und Befreiung zugleich. Was für ein gesellschaftliches Bewusstsein hat dieser rasante Wandel bis heute geschaffen? Die vorliegende Fotografie dokumentiert den wirtschaftlichen Zustand der postsowjetischen Ukraine im Jahre 2007. Ein Bild, das zum einen für den Sinn und Unsinn des westlichen Konsums steht, zum anderen für eine Entwicklungslinie, die nach der anfänglichen Aufbruchsstimmung im Stillstand mündete.

Das offensichtlich in einer Zeitschrift oder in einem Buch abgedruckte Foto, zeigt einen aus pinken Fracht- bzw. Schiffscontainern bestehenden Markt. Die Container sind so angeordnet, dass jeweils zwei aufeinander stehen. Obenauf liegen die Container leicht nach hinten versetzt um einen kleinen Laufsteg zu erhalten, der mittels einzelner Holzplatten begradigt wurde. Dabei bilden rund 80 Container auf der linken und rechten Seite eine schmale parallele Gasse von ungefähr acht Metern in der Breite. Der beim Aneinanderreihen der Container entstandene Gang dürfte eine Länge von mehreren hundert Metern haben. Aufgenommen wurde das Bild auf dem oberen linken Laufsteg. Der Fotograf tätigte die Aufnahme vermutlich in gehockter Stellung. Insgesamt wurde der Bildausschnitt so gewählt, dass der untere Rand und die optisch in der Ferne zusammenlaufenden beiden Containerreihen eine rechtwinklige Dreiecksform bilden. Fluchtpunkt des Bildes ist das sich in der Ferne abzeichnende Gassenende im oberen linken Bildrand.

In der unteren Reihe stehen sämtliche Türen der Container so geöffnet, dass jeder eine eigene Ladeneinheit bildet und sich zum jeweils Anschließenden zu beiden Seiten hin deutlich abtrennt. Vereinzelt deckt eine Plane – über zwei Seile gespannt – den Raum zwischen zwei Türen ab. An den offenstehenden Türen selbst hängen die unterschiedlichsten Bekleidungswaren in Form von Hosen, T-Shirts, Absatzschuhen, Poloshirts, Hemden und Unterwäsche. Bis auf eine Ausnahme, Hosen und T-Shirts hängen hier nebeneinander, scheint sich jeder dieser notdürftig und improvisiert wirkenden Läden dabei auf ein Verkaufsprodukt zu beschränken. Auf dem rechten oberen Laufsteg wurden teilweise Kisten gestapelt, die vermutlich in den dahinter liegenden Container gelagert werden. Es ist ein lebendiger und gut besuchter Markt. Zahlreiche Menschen laufen in sommerlicher Kleidung die Gasse entlang; manche tragen dabei Sonnenbrillen. Ein junger Verkäufer, angelehnt an seine Containertür, raucht eine Zigarette. Der Kleidungsstil scheint sich mal mehr und mal weniger an der Mode in den Containern zu orientieren. Viele kommen wohl einfach nur, um sich den Markt einmal anzuschauen. Dass sie fotografiert werden, scheint keiner zu bemerken. Kein Blick richtet sich in die Kamera. Hoch über ihren Köpfen hängen Werbebanner an Stangen, die an den Dächern der oberen Container befestigt sind. Auf einem wird zum Beispiel auf blauen Hintergrund mit roter Schrift für in der Türkei produzierte Jeans geworben. Keine der in der Regel auf Englisch beworbenen Marken kommt aus dem Westen.

Aufgrund der typischen Schiffscontainer liegt die Lage des Marktes zum Meer oder einem großen Fluss nahe. Im Fall der Ukraine könnte es sich daher um das Schwarze Meer oder das Asowsche Meer handeln. Ein großer schiffbarer Fluss wäre der Dnepr. Doch scheinen sich die Container schon lange auf keinem Schiff mehr befunden zu haben. Sie wirken wie eine dauerhaft provisorische Einrichtung. Über die eigentliche Größe des Marktes kann nur spekuliert werden, da das Bild nur einen kleinen Teil zeigt. Qualität und Komposition der Aufnahme lassen auf das Können und die Intention des Fotografen schließen. Es handelt sich dabei nicht nur um einen gewöhnlichen Schnappschuss. Der dokumentarische Charakter und die Ästhetik der Fotografie legen nahe, dass es sich dabei um einen ambitionierte Hobbyfotografen, Reporter oder Künstler handelt und nicht um einen regulären Besucher beziehungsweise dort arbeitenden Markthändler. Da das Bild abgedruckt wurde, kommt ein Reporter beziehungsweise Künstler am ehesten in Frage.

Die zentrale Frage lautet: Was sollte hier dokumentiert werden? Das, was auch offensichtlich durch das Bild transportiert wird: der Konsum. Selbst an den unwirklichsten Orten scheint der Mensch konsumieren zu wollen und zu können. Zumal die pinke Containerstadt eigens für diesen Zweck dort errichtet wurde. Mehr als 20 Jahre nach dem großen Kollaps der Sowjetunion scheint ein Ziel erreicht, dass den demokratischen Westen für viele Bürger des Ostblocks ausmachte. Denn bedeutet nicht gerade Konsum auch Freiheit und Wohlstand? Doch das ökonomische Kapital für ein annähernd westliches Konsumverhalten, in den prächtigen funkelnden Shopping-Malls der ukrainischen Innenstädte, fehlt vielen weiterhin. Der hart verdiente Lohn wird außerhalb dieser Konsumtempel ausgegeben. Es ist ein Bild, dass die wortwörtliche Marktwirtschaft in einer Konsumstadt aus pinken Containern zeigt. Ein Markt von vielen, so wie es sie zu Hunderten nach dem Fall der Mauer in der Sowjetunion gab. Ursprünglich ein Zeichen für den Neubeginn. Auch für einen politischen Wechsel. Demokratische Werte bleiben in der Ukraine weiterhin auf der Strecke. Die kennen und brauchen die Meisten ohnehin nicht, Konsum macht schließlich glücklich.

Bildzitat/-nachweis: Kirill Golovchenko, 7km - Field of Wonders, Köln 2009, unpaginiert.

Dieser Text entstand im Rahmen der Übung "Creative Writing für Historiker" im SoSe 2011. Aufgabe war in diesem Falle das Verfassen eines wissenschaftlich argumentierenden Textes über eine visuelle Quelle, die ohne konkrete Quellenangaben zur Verfügung gestellt wurde und zu der nicht weiter recherchiert werden sollte. JostWagner studierte zu diesem Zeitpunkt im 6. Fachsemester Geschichte und Archäologie-Geschichte-Landschaft an der WWU Münster.