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laboratorium für geschichte

Über die Relevanz von Märchen im 21. Jahrhundert

Experimente | | von Therese Buckstegge

  1. Die Orginalaudiofiles aus der Ausstellung "Zauberhaft und ungeheuer. Märchen der Brüder Grimm", Sauerland Museum, Arnsberg, finden sich auf den folgenden Seiten: Audiotanne A: Rund um Erzählpraxis, Erzähltechnik und Inszenierung, Audiotanne B: Rund um die Wahrnehmung von Märchen und Audiotanne C: Rund um Erzählen, Hören und Sehen heute.

AudiotanneMärchen sind kommerzielle Produkte. Ob Modebranche oder Hollywood – die Industrie weiß um das ungebrochene Interesse der Öffentlichkeit. Man lockt, verführt zum Kauf mit uralten Erzählungen, von denen ein die Zeit überbrückender Zauber auszugehen scheint. Diese schaffen das, was nur den wenigsten Werken gelingt: alle Altersklassen über die Nationengrenzen hinweg anzusprechen. Die Stimmen auf den Audiostationen1 rezitieren Sprüche wie "Knusper, knusper knäuschen" oder "Rucke di guh" mit hörbarem Vergnügen und geheimnisvoller Intonation, obwohl die dazugehörigen Besitzer längst erwachsen sind. Bestimmte Elemente der Grimm'schen Märchen sind ungeheuer einprägsam: Sprüche, übernatürliche Handlungen ("Stroh zu Gold spinnen"), Floskeln wie "Es war einmal", magische Zahlen oder auch die Figurenkonstellationen (armes Mädchen/Prinz, gutes Mädchen/böse Stiefmutter) und viele andere mehr. Gerade das Einfache, die nicht durch Komplexität verwirrende Handlung, scheint der Erinnerung zuträglich zu sein. Die verschiedenen geschilderten Erzählsituationen – mit dem Vater, den Brüdern und dem Märchenbuch auf dem Sofa, mit der Mutter an der Nähmaschine, oder, "um die Angst fernzuhalten", auf einem unbekannten deutschen Bahnhof während der Migration aus Rumänien – machen offensichtlich: Märchen bedeuten Familie, Schutz und Geborgenheit. Ihr Inhalt ist zumeist nun aber gar nicht friedlich; Szenen, die das Verbrennen im Ofen oder Verbrühen im heißem Bade, das Tanzen bis zum Tode in feurigen Schuhen schildern, haben vielfach Diskussionen angeregt, ob Märchen überhaupt kindgerecht seien.

  1. B. Bettelheim, Kinder brauchen Märchen, 28. Aufl., München 2008.

Gerade diese Ambivalenzen halten die Märchen am Leben: Ist die in ihnen omnipräsente Brutalität Kindern überhaupt zumutbar? Oder sind Märchen mit ihrer einfach nachzuvollziehenden und strikt eingehaltenen Moral ideal für das kindliche Gemüt, wie Bettelheim in Kinder brauchen Märchen2 postuliert? Sind Märchen furchtbar simple Erzählungen? Oder bieten sie eine Fundgrube an psychologischen und philosophischen Erkenntnissen? Und was haben nicht erst die Rollenbilder alles an Kontroversen erregt: Ist das Frauenbild verwerflich, oder besitzt auch ein Schneewittchen im Jahre 2012 besondere Reize, die es noch heute attraktiv erscheinen lassen. Erscheinen nicht gerade die Frauen, insbesondere die bösen, als Persönlichkeiten mit Charakter – (arg)listig, heimtückisch und gefährlich in ihrer Unberechenbarkeit –, während die Männer ihnen rein gar nichts entgegenzusetzen haben? Immerzu heiraten sie die ebenso bösen wie intriganten Frauen, beugen sich dem Willen ihrer Gattinnen und opfern – wie in Hänsel und Gretel – gar die eigenen Kinder oder merken es nicht – wie in Brüderchen und Schwesterchen –, wenn die hinterhältige Zauberin den Platz der ihnen Angetrauten einnimmt.

Märchen sind und waren schon immer ein Streitobjekt. So schlicht, so ewiggestrig kommen sie daher. Aber was für eine ungeheure Kraft, welcher Zauber steckt in ihnen, wenn sie solche Fehden entfachen können? Ist es nicht auch ein Paradox, dass wir Märchen mit der behüteten Kindheit assoziieren, während dieser Kindheit jedoch so oft geängstigt von ihnen waren?

  1. Vergleiche: Brüder Grimm, Kinder und Hausmärchen. Die handschriftliche Urfassung von 1810, hrsg. u. komm. von Heinz Rölleke, Stuttgart 2007.

Und dann erst die Fronten, die entstehen, wenn es um die mediale Verarbeitung der Märchen und um ihre modernen Nachfolger à la Harry Potter geht. Was ist besser, der "Originaltext"“ oder die Disneyversion? An dieser Stelle sei übrigens angemerkt, dass kaum einer die ursprüngliche Version der Grimm'schen Märchen von 1810 erzählt bekommen haben mag. In dieser ersten Ausgabe existieren keine Stiefmütter, oh nein, es sind die echten Mütter, die ihren Kindern nach dem Tode trachten. Da finden sich Märchen wie die "Blutwurst" (später getilgt), ebenso Erzählungen französischen Ursprungs, die später dem deutschnationalen Ideal weichen mussten.3 Seit ihrer ersten Niederschrift wurde an den Grimm'schen Märchen eine Vielzahl an Radierungen und Korrekturen vorgenommen.

Was ist es also, das gewisse Etwas der Märchen? Sie wirken aus der Zeit gefallen – beispielsweise durch immer wieder auftauchende vormoderne Hierarchien; gleichzeitig können sie durch ihre magischen Elemente nur schwer in der Zeit verortet werden. In einer anderen Welt situiert sind sie außerzeitlich und können so gar nicht an Aktualität verlieren, da sie diese nie besessen haben. Vielleicht berühren sie uns im 21. Jahrhundert, weil sie eine Moral vertreten, die eben kein Verfallsdatum kennt: "Das Gute soll siegen." Nur eine derartig schlichte Botschaft vermag tatsächlich jede Epoche mit den jeweils herrschenden Vorstellungen des "Guten" anzusprechen.

Dieser Text entstand im Anschluss an die Übung "Vom Gespräch zur Geschichte. Ein Oral History-Projekt zu den Erzähltraditionen von Märchen" im SoSe 2012. Thematisch schließt er die in den Wochen zuvor auf diesen Seiten erfolgte Projektergebnispräsentation. Innerhalb der Übung produzierten die Studierenden Hörstationen für die Ausstellung "Zauberhaft und ungeheuer. Märchen der Brüder Grimm" im Sauerland-Museum, Arnsberg. Therese Buckstegge studiert im 5. Fachsemester Geschichte und Germanistik an der WWU Münster.