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Ursprung der Märchen 2.0

Experimente | | von Hanusch/Potthast

Kann es etwa sein, dass unsere schönen alten Märchen Grundlage für solch zeitgeistdurchdrungenen Produkte wie Harry Potter und andere Gegenwartsliteraturen sind? Oder vom entgegengesetzten Standpunkt aus betrachtet: Was sollen bitteschön die verstaubten Geschichten aus Omas Wohnzimmerschrank mit den packenden Storys und Krimis von heute zu tun haben?

Parallelen zwischen traditionellen Märchen und der Kriminalliteratur der Gegenwart sind gar nicht so unscheinbar, wie auf den ersten Blick zu vermuten wäre. So gibt es mehrere Stimmen, die den Standpunkt vertreten, dass der Erfolg des Guten über das Böse ein wesentliches Charakteristikum von Märchen sei, wie wir es bei den Gebrüdern Grimm zu Hauf finden. Auch in der Gegenwartsliteratur finden sich zahlreiche Beispiele mit gutem Ende. Heißt das etwa "Ende gut, alles das Gleiche"? Keineswegs, solch ein Ende gibt es längst nicht bei allen Märchen, denn schon beim dänischen Märchenautoren Hans Christian Andersen hört es mit dem fröhlichen Märchen auf. Durch eine unversöhnliche Wendung soll der Leser zu eigenen Überlegungen motiviert werden. Das gute Ende ist ein Merkmal, das, wenn auch nicht ausnahmslos, Märchen und moderne Kinder- und Jugendliteratur miteinander verbindet. Dieser gute Ausgang kann überdies als etwas für den Menschen grundsätzlich Wichtiges angesehen werden. Ob sich aber das Happy End heutiger Geschichten in seinem Ursprung an traditionellen Märchen orientiert oder ausschließlich dem besagten menschlichen Bedürfnis entspringt, lässt sich an dieser Stelle nicht klären. In jedem Falle ist zwischen den Märchen, die im allgemeinen Bewusstsein präsent sind, und den modernen Erzählungen eine Parallele ausgemacht.

Übernatürliches wie Magisches könnten eine weitere sein: solche Momente spielen in Märchen eine zentrale Rolle, finden sich in ähnlichen Erscheinungsformen aber auch in modernen literarischen Werken. Doch woher sollen diese Ideen denn entsprungen sein, wenn nicht den Märchen? Es gibt sicherlich ältere Erzählungen mit magischen Inhalten als die allseits bekannten Grimm’schen Märchen. Dennoch gehörten diese nach dem Wirken der Grimms zu den bedeutendsten Trägern magischer Inhalte. Mit der Verdrängung der Märchen durch andere Formate wie beispielsweise Fantasy und Kriminalliteratur geht einher, dass diese neuen Formen irrationale Inhalte übernehmen, die in Ansätzen in Märchen vorkommen und mit diesen assoziiert werden. Auf diese Weise leben die Märchen in den heutigen Werken fort. Wie aber werden die "Märchen 2.0" von jenen gesehen, die sich intensiv mit den Vorläufern, den Grimm’schen Märchen, angesehen und können die aktuellen die alten Märchen wirklich ersetzen?

Interviewte des Audiofiles: B. Rath, C. Everding, N. Zemisch, U. Enders, Dr. G. Dethlefs, A. Malhotra.

Text und Audiofile entstanden im Rahmen und im Anschluss an die Übung "Vom Gespräch zur Geschichte. Ein Oral History-Projekt zu den Erzähltraditionen von Märchen" im SoSe 2012. Innerhalb der Übung produzierten die Studierenden Hörstationen für die Ausstellung "Zauberhaft und ungeheuer. Märchen der Brüder Grimm" im Sauerland-Museum, Arnsberg. Dies ist eine etwas längere Fassung, die durch Matthias Hanusch und Simon Potthast, beides Studierende der Geschichte an der WWU Münster, geschnitten wurde.