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laboratorium für geschichte

Wissenschaft am Abhang. Alpine Forschung unter extremen Bedingungen

Experimente | | von Johanna Zirwes

Rhonegletscher Was bieten Gletscher noch außer romantischen Ansichten und risikoreichen Abenteuern? Lässt sich ein Berg wissenschaftlich erfassen oder stößt der menschliche Forschungsdrang hierbei an seine Grenzen?

Die Sepia-Fotografie zeigt vier Männer auf einer felsigen Anhöhe. Im Hintergrund ist eine stark zerklüftete Gletscherlandschaft zu sehen. Vor dieser gigantischen Kulisse ist von den dargestellten Personen nicht viel mehr als ihre Silhouette zu erkennen. Das erste Personenpaar, im unteren linken Viertel des Bildes positioniert, unterscheidet sich vom zweiten, das sich etwas tiefer und rechts befindet, sowohl in seiner Tätigkeit als auch in seinem Erscheinungsbild. Beide Männer befinden sich im Schutze eines Sonnenschirms. Der eine bedient stehend ein Gerät, das entfernt einem Fernrohr ähnelt, der andere sitzt etwas weiter vorne mit angewinkelten Beinen auf dem Boden. Beide tragen Anzug und Hut; Kleidungsstücke, die nicht so recht in die bergische Umgebung passen wollen. Neben ihnen liegen einige Gegenstände, vermutlich weiteres Ausrüstungsmaterial. Die beiden anderen Personen sind den Umständen entsprechend ausgerüstet: Sie tragen angemessene, bequeme Kleidung und Schutzhelme. Beide sind durch ein Seil miteinander verbunden und halten Eispickel in den Händen. Der ganz rechts im Bild positionierte Mann trägt über der Schulter einen Balken. Seine Vorderseite ist dem Abhang zugewandt. Der andere sichert ihn durch das Seil. Er hat das rechte Bein abstützend angewinkelt, um so auf einen eventuellen Sturz seines Kameraden vorbereitet sein zu können.

Zeitlich einzuordnen ist diese Szene Ende des 19. Jahrhunderts, was zum einen an der Art der Kleidung zu erkennen ist – der klassische Anzug als Alltagskleidung für Männer wurde Ende des 19. Jahrhunderts modern. Zum anderen spricht auch die Qualität der Fotografie für diese Einschätzung, da sepia zu dieser Zeit oft verwendet wurde. Die in dieser Fotografie zu sehenden Personen vermessen die dargestellte alpine Region, wobei die Männer im rechten Teil des Bildes die Gegend abgehen und den Wissenschaftlern helfen, mittels des als Maßstab dienenden großen Balkens, die Entfernungen unter Zuhilfenahme eines speziellen Geräts zu messen. Die Aufgabe des sitzenden Mannes besteht darin, die Informationen schriftlich festzuhalten, die der andere mit Hilfe des Geräts erkennt und ihm ansagt. Der Schirm ist vermutlich notwendig, um vor dem blendenden Sonnenschein zu schützen.

Diese Fotografie ist mit Bedacht gemacht worden, wohl aber nicht gestellt in dem Sinne, dass die Situation mit Absicht auf diese Art und Weise arrangiert wurde. Sie hat vor allem Dokumentationscharakter, das heißt, es soll die alltägliche Arbeit der Wissenschaftler festgehalten werden. Dennoch scheint sie einen tieferen Sinn zu haben. Dieser auffallend große relationale Unterschied lässt darauf schließen, dass die Intention über eine rein dokumentarische hinausgeht. Im Vergleich zu der gewaltigen Größe des Gletschers scheinen die Personen unverhältnismäßig klein, als solle die Schwierigkeit der Aufgabe und das Risiko, das dieser naturgemäß innewohnt, illustriert werden: eine Arbeit an den Grenzen der Wissenschaft und des menschlichen Leistungsvermögens. Diese Darstellung lässt die Achtung vor den mutigen Wissenschaftlern steigen und stellt die Arbeit der Erkundenden in ein besonderes Licht, da diese Männer ihr Leben für die Wissenschaft riskieren, um den Menschen Aufschlüsse und Informationen über die Berge und Gletscher dieser Welt zu ermöglichen.

Bildzitat/-nachweis: Rhonegletscher, Atelier Birfelder, Bern. Vermessungsarbeiten an der oberen Kante des Eissturzes am Rhonegletscher, um 1875. Albuminpapier, 34 x 27 cm (Ausschnitt aus Abb. S. 4), in: Die Weite des Eises. Arktis und Alpen 1860 bis heute, hrsg. v. Monika Faber, Ostfildern 2008, S. 5.

Dieser Text entstand im Rahmen der Übung "Bilder erzählen" im SoSe 2012. Aufgabe war das Verfassen von wissenschaftlich argumentierenden Texten über visuelle Quellen, die ohne konkrete Quellenangaben zur Verfügung gestellt wurden und zu denen nicht weiter recherchiert werden sollte. Johanna Zirwes studiert im 2. Fachsemester Geschichte an der WWU Münster.