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laboratorium für geschichte

Eine Weltgeschichte in Bildern, die ihre Bilder kaum braucht

Fundstücke | | von Alexander Kraus

  1. Helge Hesse, "Vorwort", in: Ders., Bilder erzählen Weltgeschichte, 2. Aufl. München 2012, S. 10-12, hier S. 10.
  2. Das dies durchaus möglich ist, zeigt der Band Helmut Altrichters (Hg.), Bilder erzählen Geschichte, Freiburg im Breisgau 1995.
  3. Vgl. Norbert Schneider, Historienmalerei. Vom Spätmittelalter bis zum 19. Jahrhundert, Köln u.a. 2010.
  4. Hesse, Vorwort, S. 10.

Bilder erzählen Weltgeschichte Die Idee ist zweifelsohne gut, Weltgeschichte einmal anhand von Bildern zu erzählen. Denn es waren, wie der Publizist Helge Hesse in seinem Band Bilder erzählen Weltgeschichte erläutert, über Jahrtausende hinweg "gemalte oder gezeichnete Bilder, die Sichtweisen, Standpunkte und Absichten von Künstlern, die unser Bild von Geschichte prägten".1 Es fragt sich aber, warum für dieses Unternehmen in 74 Kapiteln dann nicht solche Bilder ausgewählt wurden, die aus der jeweiligen Zeit selbst stammen.2 Denn die überwiegende Mehrzahl der von Helge Hesse bewusst nach subjektiven Kriterien ausgewählten Bilder datiert aus dem 19. Jahrhundert, der Spätphase der Historienmalerei,3 die einen besonderen Personenkult betrieb und Ereignisse aus der Regional- und Weltgeschichte maßlos zu überhöhen verstand. Geschichte wurde im Dienste der Herrschenden funktionalisiert. Diese Historienbilder in eine chronologische Geschichtserzählung einzupassen, die ab und an jedoch auch zeitgenössische Bildwerke zentral stellt, ist problematisch. Gemälde aus dem 19. Jahrhundert vermitteln uns unweigerlich allein die Perspektive ihrer Zeit, einer Epoche, in der die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht selten im Dienste der Nation erfolgte. Keine Frage: eine Geschichtsschreibung, die allein die visuelle Geschichtserzählung dieser Epoche thematisiert, ist ein spannendes Unterfangen – nicht aber in dieser unausgewogenen und seltsam unreflektiert erscheinenden Konstellation. Auch wenn Hesse danach fragt, ob die Künstler sich an "einer realistischen Rekonstruktion", "politische[n] Stellungnahme, Satire oder Karikatur" versuchten,4 macht es doch einen großen Unterschied, ob es die Künstler aus der Zeit des abgebildeten Ereignisses selbst waren oder die Auseinandersetzung mit dem Dargestellten in ganz anderen Kontexten vollzogen wird.

  1. Hesse, Bilder erzählen Weltgeschichte, S. 193.

Wählen wir, wie Hesse, Eduard Schwoisers 1862 gefertiges Ölgemälde, um König Heinrich des IV. Gang nach Canossa zum Ausgangspunkt unserer Erzählung zu nehmen oder eine zeitgenössische Miniatur? Entscheiden wir uns für Jean-Jacques Scherrers Einzug von Jeanne d’Arc in Orléans von 1887 oder für eine kurze Zeit nach ihrem Wirken entstandene anonyme Miniaturmalerei, um uns darüber hinweg zu helfen, dass keine zeitgenössischen Darstellungen überliefert sind. Ist uns nicht, wenn es darum geht "Weltgeschichte" zu erzählen, eine satirische Druckgraphik aus dem 16. Jahrhundert eine ergiebigere Quelle als Paul Thumanns Luther auf dem Reichstag in Worms aus dem Jahr 1872, ein zeitgenössischer Holzschnitt über die Entdeckungsfahrten des Columbus hilfreicher als Lorenzo Delleanis Christoph Kolumbus in Ketten (1863)? Nicht so für Helge Hesse, der oft den Eindruck vermittelt, als ob er die Bilder für seine Erzählung kaum wirklich braucht. Denn die Entstehungskontexte werden in den dreiseitigen Texten zumeist allein in einem Nebensatz abgehandelt. Über Paul-Jacques Aimé Baudrys Die Ermordung Marats durch Charlotte Corday erfahren wir allein, dass das Bild "fast sieben Jahrzehnte später" eine zeitgenössische Darstellung Jacques-Louis Davids aufgreife, es jedoch „die Perspektive des Betrachters" sowohl erweitere als auch verschiebe. Es sei eben ein Bild des Zweiten Kaiserreichs. "Marat galt nun als Monster, Charlotte Corday als Freiheitskämpferin."5

  1. Hesse, Bilder erzählen Weltgeschichte, S. 77.

Mitunter erscheinen diese Kontexte für Hesses Erzählstrang auch eher wenig geeignet. So nimmt er beispielsweise ein mit Pompeji betiteltes abstraktes Gemälde des US-amerikanischen Malers Hans Hofmann (1880-1966) zum Anlass, die tragische Geschichte der Stadt wie auch die ihrer Entdeckung im 18. Jahrhundert zu erzählen. Was diese Erzählung jedoch über den Bildtitel hinaus mit Hofmanns Gemälde zu tun hat, erschließt sich bei der Lektüre nicht wirklich: "Auch Hofmanns Pompeji wäre für uns eigentlich nur ein Bild im Sinne Wassili Kandinskis, des Schöpfers der ersten abstrakten Bilder, der Malerei auf eine Art erfahrbar machen wollte, wie wir Musik wahrnehmen: in ungegenständlichen Gefühlsschattierungen. | Dadurch aber, dass Hofmann dem Bild den Titel Pompeji gegeben hat, gibt er dem Betrachter einen Hinweis in die Hand. […] [Dieser] sieht plötzlich etwas von Pompeji".6 Aber ob dieses Sehen wirklich Weltgeschichte erzählt? Ob nicht ein Fresko aus einer Villa Pompejis viel eher dazu geeignet gewesen wäre?