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laboratorium für geschichte

Geschichte schreiben leicht gemacht. Aus der Trickkiste der amerikanischen Kulturhistorikerin Lynn Hunt

Fundstücke | | von Alexander Kraus

  1. "Vom Schreiben, ohne zu wissen, wie es endet – Hans-Jörg Rheinberger", in: Alexander Kraus/Birte Kohtz, Geschichte als Passion. Über das Entdecken und Erzählen der Vergangenheit. Zehn Gespräche, Frankfurt/New York 2011, S. 267-291.
  2. Hier und im Folgenden Lynn Hunt, "How Writing Leads to Thinking (And not the other way round)", in: From the Art of History column of the February 2010 issue of Perspectives on History, online abrufbar unter http://www.historians.org/perspectives/issues/2010/1002/1002art1.cfm [9. Oktober 2013].

Historikerinnen und Historiker haben sich zuletzt auf verschiedenen Wegen bewusst gemacht, dass die Art, wie sie schreiben, den wissenschaftlichen Arbeitsprozess maßgeblich mitbestimmt. Ja, die Erkenntnisprozesse selbst sind, so sieht es der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger, ganz wesentlich vom Schreiben geprägt: "Wenn man 20 Seiten geschrieben hat und noch einmal an den Anfang zurückgeht, stellt sich die Sache vielleicht aus einer anderen Perspektive dar, weil man eben einen Lernprozess oder einen Erkenntnisprozess mit dem Schreiben durchgemacht hat. Das Schreiben hat etwas mit Fixieren zu tun, aber auch mit offen lassen, wie das auch für Experimente und Experimentalsysteme gilt […]."1 Schreiben wird so zu einer Quelle des Neuen. Ähnlich hat auch die amerikanische Kulturhistorikerin Lynn Hunt argumentiert. In einem ebenso offenen wie spielerischen, fast tänzerischen Essay fordert sie – und meine Zustimmung sei ihr gewiss – dem Schreiben in der universitären Lehre mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen: "History instructors only rarely if ever give courses in writing; we assume that graduate students learn by osmosis, by imitation, and by correction of flagrant errors. We have begun to pay more attention to teaching as a learnable skill. We should do the same with writing."2

  1. In Auswahl: Lynn Hunt, Symbole der Macht, Macht der Symbole – die Französische Revolution und der Entwurf einer politischen Kultur, Frankfurt/Main 1989; Dies. (Hg.), Inventing Human Rights. A History, London 2007; Dies. (Hg.), The New Cultural History, Berkeley 1989. Zu Lynn Hunt selbst siehe Jens Ivo Engels, „Lynn Hunt – Politik und Kultur“, in: Erich Pelzer (Hg.), Revolution und Klio. Die Hauptwerke zur Französischen Revolution, Göttingen 2004, S. 348-358.

Auf welche Art und Weise die für ihre Studien zur Französischen Revolution und zuletzt der Geschichte der Menschenrechte, aber auch für ihre geschichtstheoretischen Arbeiten bekannte Historikerin selbst mit gutem Beispiel vorangeht, weiß zu begeistern.3 In ihrem mit How Writing Leads to Thinking (And not the other way around) überschriebenen Essay haben mich vor allem zwei Aspekte hellhörig werden lassen – zum einen ihre Ausführungen über Notizen, zum anderen ihre Anmerkung über das notwendige Vertrauen in die eigenen Schreibfähigkeiten.

Notizen machen, Exzerpte anfertigen, Kopien anhäufen und dergleichen mehr gehört zweifelsohne zum Alltag des Historikers. Umso verblüffender ist daher das, was Hunt vorschlägt, um der Angst vor dem leeren Blatt zu begegnen: "My first rule, in such a situation, is not to look at notes." Denn nur in den seltensten Fällen fänden sich darin echte Heureka-Momente, in der Regel habe man zumeist die falschen Passagen exzerpiert. Hunt kommt zu dem überraschenden, aber eindeutigen Schluss: "Reorganizing your notes is a form of house cleaning; it might make you feel good about yourself as a tidy person, but it will not produce a chapter—or even a page. Only writing can do that."

  1. Carlo Ginzburg, "Einführung der Originalausgabe", in: Ders., Faden und Fährten. wahr falsch fiktiv, Berlin 2013, S. 9-14, hier S. 12.

Erst im Schreibprozess werden vage angedachte Ideen in echte Argumente transformiert, die eben zuvor keineswegs schon in irgendeiner Form klar umrissen abrufbar waren: "Taking notes, and even more so, ordering microfilms, photocopying or digitally photographing documents, will not get you to the heart of the problem. At least while taking notes you have done some thinking, but in general, your thoughts will remain stalled in the fog of infinite possibilities until you start writing them, not as notes, but as prose arguments." Mich erinnert das an einen Kommentar Carlo Ginzburgs: Der schrieb über die Natur der Verschriftlichung von Gedanken, dass in "jede[m] Text unkontrollierte Elemente" enthalten seien.4

Und damit sind wir auch schon beim zweiten Aspekt angelangt: dem Vertrauen in die eigene Schreibfähigkeit. Dieses Vertrauen sieht Hunt als notwendige Bedingung, um überhaupt Abschnitte, Kapitel, Aufsätzen oder gar ganze Bücher produzieren zu können. Ewiges Hadern und Zweifeln, kontinuierliches Überprüfen und zaghaftes Vorantasten seien eher kontraproduktiv: "You have to second guess yourself just enough to make constant revision productive and not debilitating. You have to believe that clarity is going to come, not all at once, and certainly not before you write, but eventually, if you work at it hard enough, it will come. Thought does emerge from writing. Something ineffable happens when you write down a thought. You think something you did not know you could or would think and it leads you to another thought almost unbidden."

Schließlich zeigt Hunt noch auf, was uns doch eigentlich bewusst sein sollte, sich aber so leicht verdrängen lässt: "Most problems in writing come from the anxiety caused by the unconscious realization that what you write is you and has to be held out for others to see. You are naked and shivering out on that limb that seems likely to break off and bring you tumbling down into the ignominy of being accused of inadequate research, muddy unoriginal analysis, and clumsy writing. So you hide yourself behind jargon, opacity, circuitousness, the passive voice, and a seeming reluctance to get to the point." Also: Dann schon lieber nackt sein und runter mit den Klamotten!