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Geschichtsmaschinen. Computerprogramme für die Geschichtswissenschaften?

Fundstücke | | von Alexander Kraus

  1. Christoph Behrens, "Schreibmaschinen", Süddeutsche Zeitung, Nr. 141, 21. Juni 2012, S. 18.

"Schreibmaschinen" ist ein Artikel Christoph Behrens’ überschrieben, der sich mit ersten Computerprogrammen auseinandersetzt, die anstelle von Journalisten Texte verfassen. Erschienen ist er am 21. Juni 2012 auf der Wissensseite der Süddeutschen Zeitung. Entstanden aus einer spielerischen Projektarbeit des Informatikprofessors Larry Birnbaum, der Studierende der Informatik mit Journalistenschülern vor die Aufgabe stellte, eine Software zu programmieren, die aus großen Datenbeständen Erzählungen generieren, funktioniert die daraus entwickelte Textmaschine inzwischen bereits ideal für die Berichterstattung in den Bereichen Sport und Finanzen: "Überall, wo große Datenmengen verfügbar seien, die kein Mensch mehr überblicken könne, sei die Technik sinnvoll. Selbst den Ton der Meldungen könne man variieren."1 Die Anzahl der verfassten Artikel hat bereits die Millionengrenze überschritten, die gegründete Firma Narrative Science floriert.

  1. Felix Stephan, "An der Schwelle zum Goldenen Zeitalter", Süddeutsche Zeitung, Nr. 228, 02./03. Oktober 2012, S. 14.

Nur wenige Monate später haben es besagte Computerprogramme bereits auf die Literaturseite geschafft: So berichtet Felix Stephan über eine Tagung des Thinktanks Lit.Flow, auf der das Maschinenwissen und -können wie die daraus resultierenden Folgen für die Literatur intensiv diskutiert wurden. Das Editorial des Netzauftritts eröffnet ebenso kurz wie radikal: "Die Literatur wird von der Zukunft eingeholt. Digitale Technologien und Entwicklungen im Netz dynamisieren den gesamten Kulturbetrieb." Zwar haben die Programme noch immer keine konkrete Vorstellung davon, was sie tatsächlich schreiben, doch sind sie lernfähig. Und sie lernen schnell: Die Software, so schreibt Stephan, werde "mittelfristig […] nicht nur in der Lage sein, Faktenberichte zu verfassen, sondern auch fiktionale Erzählungen, denn auch diese variieren letztlich nur eine endliche Zahl möglicher Spannungsbögen und moralischer Konflikte".2 Das erinnert den Historiker schon zaghaft an Hayden Whites Theorie der narrativen Modellierung der Geschichtsschreibung, für die nach seiner Metahistory die zentralen vier Formen oder Strategien der Romanze, Tragödie, Komödie und Satire mit ihren entsprechenden rhetorischen Figuren bereit stünden. Wie dem auch sei. Stephan gibt in seinem Bericht den Gedanken des amerikanischen Dichters Kenneth Goldsmith viel Raum, der die gegenwärtigen Entwicklungen in einen größeren geschichtlichen Kontext verortet:

  1. Stephan, An der Schwelle zum Goldenen Zeitalter

"Die Literatur werde derzeit auf dieselbe Weise von ihrem traditionellen Auftrag idealisierter Weltabbildung befreit wie die Malerei im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Impressionismus, der Kubismus, all diese abstrahierenden Strömungen hätten nur deshalb entstehen können, weil die Fotografie weite Teile des traditionellen Aufgabenbereiches der Malerei übernommen habe. In diesem Sinne erlebe die Literatur jetzt ihren Modernismus: Weil die Lebensrealität junger Menschen heute derart dramatisiert, fiktionalisiert und narrativiert sei, müsse sich die Literatur nicht mehr damit abmühen, immer und immer wieder die kollektive Sehnsuchtswelt zu verbildlichen, sondern könne reine Kunst werden."3

Wenn das eine denkbare Konsequenz der Literatur aus den verbesserten narrativen Qualitäten softwarebasierter Texterzeugung darstellt, so sollten sich auch Geschichtswissenschaftler fragen, wie derartige Programme die eigene Textproduktion verändern könnten. Auch historiographische Texte unterliegen standardisierten Mustern und Regeln und versuchen aus mehr oder weniger großen Datenmengen Sinn zu filtern beziehungsweise zu generieren. Welche Geschichten würde die Software produzieren, wenn wir sie mit gesammelten Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg speisen, mit der Zeitungsberichterstattung über bestimmte Ereignisse oder Verwaltungsakten? Zyklische wie antizyklische Entwicklungen müssten sie deutlich effektiver erkennen – am Ende auch beschreiben und erzählen können? Wenn eine entsprechende Software dem Historiker assistieren (oder ihn verdrängen) würde, von welchem "traditionellen Auftrag" der Weltabbildung könnte die Geschichtswissenschaft dann befreit werden? Von welchen Darstellungsformen könnte sie sich verabschieden?