{ laboratorium für geschichte }

laboratorium für geschichte

Künstlerische Freiheit in der Wissenschaftsillustration? Fallbeispiel Paläontologie

Fundstücke | | von Alexander Kraus

  1. Jane P. Davidson, A History of Paleontology Illustration, Bloomington/IN 2008, S. 183.

Wissenschaftsillustration in der Palaeontologie Wie nah dürfen sich Kunst und Wissenschaft eigentlich kommen? Die Paläontologie zumindest, so hat es die Kunsthistorikerin Jane P. Davidson in ihrem Buch A History of Paleontology Illustration gezeigt, sei ohne Bilder nicht denkbar. Denn die Bilder waren schon da, noch ehe von einer wissenschaftlichen Disziplin überhaupt gesprochen werden könne.1 Deren Professionalisierung begann, folgt man Davidson, im frühen 19. Jahrhundert; zugleich intensivierte sich die Zusammenarbeit von Paläontologen und Illustratoren. Pikanterweise nutzten letztere im Einklang mit ersteren nicht selten künstlerische Freiheiten. Mitunter ließen sie gar ihrer Fantasie freien Lauf.

Das ist schon einmal eine starke These. Allerdings macht es uns die Kunsthistorikerin nicht wirklich leicht, ihr bei der Entfaltung derselben zu folgen, denn immer wieder hangelt sie sich lediglich kombinatorisch durch jene Bücher, die in irgendeiner Form paläontologische Illustrationen beinhalten. Zu oft geht es dabei lediglich um Publikationsumstände, die Lebensläufe der Autoren und - da meldet sich die klassische Kunsthistorikerin zu Wort - um die Qualität der Illustrationen. Fahrt nimmt das Buch indes stets dann auf, wenn es diesen enzyklopädischen Stil aufgibt und die Entwicklungen im Zeitraffer präsentiert.

  1. Ebd., S. 59.
  2. Hier und im Folgenden, ebd., S. 153f.

Für die Frage nach dem Warum der Zusammenarbeit zwischen Illustratoren und Forschern, die nicht selten auch selbst künstlerisch tätig wurden, führt sie eine ebenso einfache wie plausible Begründung an: "Scientists themselves wanted to see what the animals and plants had been like when they were alive. Restorations made it possible."2 Früh setzte dabei ein regelrechter Standardisierungsprozess der Darstellungsformen ein. Innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte habe sich Davidson zufolge gar ein besonderer Stil, eine spezifische Ästhetik entwickelt, die "scientificially accurate imagery" mit dem Wunsch nach einem "visual realism" verbindet: "The style of illustrations in paleontology publications has remained amazingly uniform […]."3

  1. Ebd., S. 155.

Besonders deutlich wird dies bei Farbillustrationen, denn über 150 Jahre lang dominierten in der Darstellung Grau- und Grüntöne. Erst die Erkenntnis, die Dinosaurier könnten mit Vögeln deutlich enger verwandt sein, als ehedem gedacht, ließ sie an Farbigkeit gewinnen. Selbst Federn zierten nun ihre Körper. Und dies, obgleich Davidson betont: "We don't know that dinosaurs were spottet, strippet, brightly colored, or feathered." Allerdings ließen sich moderne Illustratoren vermehrt durch das Studium von Lebewesen ihrer Zeit inspirieren, um sich beispielsweise eine Vorstellung davon zu machen, wo welche Muskeln platziert und wie funktioniert haben könnten. Doch trotz dieser Ansätze zu einem stärkeren Realitätsbezug blieben stets fantastische Elemente in den Darstellungen enthalten. Warum dies? Künstler, Wissenschaftler und Verleger folgten ganz entschieden der Tendenz, so Davidson, an einmal etablierten Sehgewohnheiten ihres Publikums nicht zu rütteln.4 Es wäre sicherlich eine spannende Aufgabe solchen Visualisierungstraditionen auch einmal in anderen Wissenschaftsdisziplinen nachzugehen.