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Musée Sentimental 1979: Ein Ausstellungskonzept

Fundstücke | | von Alexander Kraus

Musée Sentimental 1979: Ein Ausstellungskonzept Dieses Buch ist eine Wunderkammer en miniature - allerdings nicht, da es Objekte unterschiedlichster Herkunft und Bedeutung in einem spezifischen Arrangement zusammenführt. Wohl aber, da es Texte und Interviews präsentiert, die nicht nur die Geschichte eines einst revolutionären Ausstellungskonzepts rekonstruieren, sondern auch immer wieder Pfade aufzeigen, auf denen es allerhand zu entdecken gibt, die manche Überraschung parat halten.

  1. Interview mit Wulf Herzogenrath, "Das müssen wir im Kunstkontext tun", in: Anke te Heesen/Susanne Padberg (Hg.), Musée Sentimental 1979. Ein Ausstellungskonzept, Ostfildern 2011, S. 74-88, hier S. 75.
  2. Anke te Heesen, "Die Entdeckung des Exponats. Das 'Musée Sentimental de Cologne', Daniel Spoerri, Marie-Louise von Plessen und das Jahr 1979", in: Ebd., S. 136-163, hier S. 140.
  3. Ebd., S. 136.

Das erste Mal wundern darf man sich als Leser, wenn einem offenbar wird, dass Anke te Hessens und Susanne Padbergs Musée Sentimental 1979. Ein Ausstellungskonzept das Ergebnis eines dreisemestrigen Tübinger Projekts mit Studierenden der Kulturwissenschaften darstellt. Wie eng verzahnt hier das eigene Interesse der Lehrenden mit der studentischen Projektarbeit ist, weiß zu begeistern. Aber auch das mittlerweile etablierte und viel kopierte Ausstellungskonzept selbst ist aus vielerlei Hinsicht erstaunlich. Es setzt auf den ersten und oftmals auch zweiten Blick miteinander unvereinbare Dinge zueinander in Beziehung - in erster Linie solche, die nicht unbedingt im Museum vermutet werden. Dem Konzept liegt der Gedanke zugrunde, dass jedes noch so alltägliche Objekt eine Geschichte transportieren kann, oftmals in und aus ganz anderen Kontexten, als zunächst gedacht. Richtig arrangiert zeigt sich, dass die "scheinbaren Banalitäten […] die Menschen mindestens genauso [interessierten] wie teure, wunderbare Kunstwerke".1 Durch ihr Ausgestellt-werden und die damit einhergehende Kontextualisierung erfahren diese nicht selten profanen Alltagsdinge eine Aufwertung oder "Nobilitierung" zu etwas Zeigenswertem. Es ist ihr Trumpf, dass sie "Anknüpfungsmöglichkeiten zwischen der ausgestellten Geschichte und der gelebten Gegenwart" schaffen.2 Anke te Heesen beschreibt diesen kuratorischen Dreh als die eigentliche Entdeckung des Exponats und verdeutlicht den Bruch mit der Ausstellungstraditionen durch eine kompakte Beschreibung derselben: "(Kunst-)Geschichtsausstellungen wurden bis dahin vor allem als gelehrte, detailreiche, chronologisch geordnete Darstellungen verstanden, die umfassend und in linearer Weise die Vergangenheit sichtbar zu machen suchten. Die verschiedenen Objekte dienten dabei als punktuelle Illustrationen der Vergangenheit und wurden in das große Narrativ der sukzessive voranschreitenden Zeit eingeordnet."3

  1. Interview mit Gottfried Korff, "Es leistet viel, weil es viel zulässt", in: Ebd., S. 102-117, hier S. 114.

Die Objekte der Kölner Ausstellung dagegen - angefangen mit zwölf Bleistiften Heinrich Bölls über Konrad Adenauers Rosenschere bis hin zu Stiefeln mit Kamellendreck vom Kölner Karneval - sollten bewusst Verwunderung hervorrufen, sollten Wiedererkannt und mitunter auch nicht unmittelbar verstanden werden. In ihrer Anordnung glichen sie eher einem "Labor oder Sacharchiv" als einer "Inszenierung i[m] szenografischen Sinne".4 Oftmals erschlossen sich die Exponate erst über die mitgelieferte Anekdote. Das Ausstellungsobjekt war nur so gut wie die dazugehörige Geschichte, die wichtiger als das Objekt selbst sein konnte. Damit erhob das durch den Künstler Daniel Spoerri und die Historikerin Marie-Louise von Plessen erdachte Konzept das Erzählen zu einem kuratorischem Prinzip. Der entscheidende Faktor war dabei zu erkennen, wann ein Objekt mit einer Geschichte aufgeladen war und ob diese für das meist regionale Publikum auch verständlich war. Was unterscheidet eigentlich ein derart aufgeladenes Objekt von einem, das keine oder aber nur eine zu kleine erzählte?

Dass die Lektüre des Buchs auch viel über Geschichtsschreibung verrät, zeigt das Interview mit dem Künstler und Kunsttheoretiker Bazon Brock, der für den Katalog der Kölner Ausstellung ehedem einen Aufsatz verfasste. Denn die Frage, wie Objekte idealerweise in einer Ausstellung zu arrangieren seien, ist nicht so weit entfernt von der Überlegung, wie man seine Geschichte schriftlich erzählt. Die Lebendigkeit des Ausstellungskonzepts Musée Sentimentale erklärt Brock über das konsequente Inszenieren, das er über folgende Situation erklärt:

  1. Interview mit Bazon Brock, "Nicht 'wie der Keks in der Schachtel'", in: Ebd., S. 89-101, hier S. 98.

"'Stellt euch vor, etwas bei euch so zu arrangieren, wie ihr möchtet, dass es in 2.000 Jahren ausgegraben wird.' Das hieß […] der Blick aus der Ewigkeit auf die heutige Situation. Da kam das bedeutende Prinzip zu Tage, nämlich, dass man sagen kann: Wer weiß denn etwas über den Blick in 2.000 Jahren? Die Antwort: Nur die Historiker! Weil die Historiker natürlich die Erfahrung gemacht haben, dass alle Vergangenheit, also im Sinne der Historiker, alles historisch Gewesene, geschichtlich Erzählte, ja ehemalige Zukunft gewesen ist. Also ist die Geschichtsschreibung nichts anderes, als das Verhältnis zu einer jeweiligen Zukunftsannahme irgendeiner Generation in irgendeiner Kultur, um daraus Kontext zu entwickeln. Das heißt, der Historiker schreibt eigentlich dauernd Zukunftsentwürfe, die er dann abgleichen kann."5