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laboratorium für geschichte

Arbeitsmigration ausstellen

Projekte | | von Kraus/Schwerdtfeger/Schmidt

Die meisten Historikerinnen und Historiker denken Geschichte als Text – als Buch, Aufsatz, Essay oder Vortrag. Für Studierende der Geschichtswissenschaften lauten die entsprechenden Pendants oftmals Hausarbeit und Referat. Dass Geschichte – in unserem Fall speziell die der Arbeitsmigration nach Gelsenkirchen ab den 1950er Jahren – aber auch inszeniert und im Raum gestaltet werden kann, war Thema einer Lehrveranstaltung, die im Sommersemester 2013 am Historischen Seminar der WWU Münster in Kooperation mit dem Büro für Ausstellungsgestaltung und Kommunikationsdesign RAUMZEIT durchgeführt wurde. Eine andere Art des Erzählens sollte eingeübt werden. Wir haben mit dem Kurs unterschiedliche Wege gesucht (und gefunden), Migrationsgeschichte auszustellen – und das in einer Zuwanderungsstadt par excellence.

Denn da sich das Institut für Stadtgeschichte, Gelsenkirchen das Thema Zuwanderung und Arbeitsmigration nach 1945 als einen nächsten Arbeitsschwerpunkt erschließen möchte, bot sich eine Kooperation an, schließlich ist die Geschichte Gelsenkirchens immer auch eine Geschichte der Zuwanderung gewesen. Ob aus Masuren oder aus Anatolien – in den letzten 150 Jahren kamen zigtausende Menschen in die Stadt, um hier Arbeit und Glück zu finden. Während die frühen Zuwanderungsbewegungen vergleichsweise gut erforscht sind, ist über die Geschichte der Menschen, die im Rahmen der Anwerbeabkommen ab 1955 als "Gastarbeiter" nach Gelsenkirchen kamen, noch kaum etwas bekannt. Um die facettenreiche Geschichte der Arbeitsmigration einer breiten Gelsenkirchener Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist daher eine Ausstellung geplant, die im kommenden Jahr im neu gestalteten Hans-Sachs-Haus zu sehen sein soll. Für diese Ausstellung haben unsere Studierenden drei mögliche Konzeptionen entwickelt, die im Rahmen einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung in der bluebox, Gelsenkirchen am 8. Juli 2013 präsentiert wurden.

Alle drei Ausstellungskonzeptionen haben gemeinsam, dass sie an dem speziellen Ort Hans-Sachs-Haus, dem zukünftigen "Haus der Bürger" Gelsenkirchens, das Thema nicht erschöpfend und faktengesättigt abarbeiten möchten, sondern die Besucherinnen und Besucher über verschiedene Perspektivwechsel für die unterschiedlichen Lebensgeschichten der Migrantinnen und Migranten sensibilisieren möchten. Daher liegen ihren Konzepten jeweils auch Lebenserinnerungen von eingewanderten Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchenern zugrunde. Jede Konzeption setzt aber eigene gestalterische und inhaltliche Akzente.

a) Gelsenkirchen 1956 – Coltan City 2026

Ausgehend von der Idee, die Besucher selbst zu Arbeitsmigranten zu machen, um sie für das Thema zu sensibilisieren, sieht die Konzeption keine rein historische Aufarbeitung der Zuwanderungsgeschichte vor. Vielmehr sollen die Besucher mittels des Elements der Fiktionalisierung von passiven Betrachtern zu echten Akteuren werden, die den Migrationsprozess selbst erfahren können. Dabei dient das Zukunftsszenario um das fiktive Coltan City – einer Stadt in der Wüste, in der unterirdisch große Vorkommen des für die Herstellung von IT-Produkten notwendigen, zugleich seltenen Rohstoffs Coltan abgebaut werden – als Blaupause für die tatsächliche geschichtliche Entwicklung der einstigen Stadt des schwarzen Goldes in den 1950er Jahren. Während die Zukunftsvision die Ausstellung visuell und textlich dominiert, wird diese über eine begleitende Audioebene über Zeitzeugeninterviews stets an die Vergangenheit Gelsenkirchens rückgebunden. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität bleibt für die Besucher stets transparent. Science Fiction

b) Heimat – heimisch – einheimisch

In der Ausstellungskonzeption soll den Besuchern über eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den zentralen Begriffen Heimat – heimisch – einheimisch ein neuer Blickwinkel auf die Stadt Gelsenkirchen ermöglicht werden. Der Clou dabei: dies geschieht aus der Perspektive von ehemaligen Gastarbeitern und ihren nachfolgenden Generationen. Dadurch wird die generationsspezifische Veränderung des Heimatgefühls – vom Gastarbeiter zum Migrant, vom Migranten zum Bürger mit Migrationshintergrund und von diesem zum… ja zu was eigentlich? – in Bezug auf Gelsenkirchen transparent gemacht. Die Stadt Gelsenkirchen wird so von einer Stadt, in der zunächst allein für einige Jahre gearbeitet werden sollte, mehr und mehr zu einer neuen Heimat. Der einstige Gastarbeiter ist heimisch, seine Nachkommen sind Einheimische geworden. Das Ausstellungskonzept präsentiert dem Besucher auf diesem Wege ein Stück Lokalgeschichte aus Sicht von Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund. Es veranschaulicht, wie sehr sich auf den ersten Blick starre, unveränderlich wirkende Begriffe wie Heimat kontinuierlich verändern. Heimat

c) Amt für Gastarbeiterfragen. Migration nach Gelsenkirchen nach 1952

Die Arbeitsmigration nach 1945 hat die Biographien von Millionen verändert. Gerade in einem sehr organisierten Land wie der Bundesrepublik beruht ein solcher Prozess auf Planung. Die Ausstellung Amt für Gastarbeiterfragen setzt daher den oftmals übersehenen Akteur des Beamten ins Zentrum und befasst sich mit dem Verhältnis zwischen der ursprünglichen Idee von Gastarbeit, ihrer behördlichen Planung und der faktischen Umsetzung. Sie möchte zeigen, dass diese Idee alles andere als statisch war, denn als die Gastarbeiter nicht wie ursprünglich geplant nach jeweils zwei Jahren in ihre Heimatländer zurückzogen, sondern blieben, setzte ein Transformationsprozess ein: aus dem Gastarbeiter wurde ein Migrant – und dieser Wandel setzt sich bis heute fort. Sieben Abteilungen, jeweils durch einen typischen Büroschreibtisch repräsentiert, beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Facetten und Problemen, die die Anwerbeabkommen mit sich brachten. Um dem Besucher einen möglichst intensiven Kontakt mit der Welt der Planung zu ermöglichen, werden sämtliche Informationen mittels typischen Büromaterials übermittelt. Während die Ebene der Planung in Schwarz-Weiß gehalten ist, ist die Ebene der konkreten Realität der Gastarbeiter und ihrer Nachkommen bunt gestaltet – muss aber erst am Schreibtisch selbst entdeckt werden. Über Telefone können die Besucher auf thematisch zugeschnittene Oral-History-Sequenzen zugreifen.

Die Langfassungen der Konzeptionen können auf Nachfrage eingesehen werden.

Alexander Kraus | Philipp Schwerdtfeger | Daniel Schmidt