{ laboratorium für geschichte }

laboratorium für geschichte

Objekte zum Sprechen bringen. Eine Geschichte Münsters in 30 Objekten

Projekte | | von Alexander Kraus

Liudgeri

  1. Lorraine Daston, "Introduction. Speechless", in: dies. (Hg.), Things That Talk. Object Lessons from Art and Science. New York 2008, S. 9–24, hier S. 9.

If things are "speechless," perhaps it is because they are drowned out by all the talk about them. Lorraine Daston1

  1. Mihaly Csikszentmihalyi, "Warum wir Dinge brauchen", in: Anke Ortlepp/Christoph Ribbat (Hg.), Mit den Dingen leben. Zur Geschichte der Alltagsgegenstände. Stuttgart 2010, S. 21–31, hier S. 24.

Auf den ersten Blick wirken Objekte stumm und passiv. Sie liegen, stehen, hängen, stauben ein und geben keinen Mucks von sich. Sicher, als Gebrauchsgegenstände erleichtern sie uns den Alltag, als Liebhaberobjekte verschönern sie unser Leben – doch für sich genommen scheinen sie bedeutungslos. Aber ist das wirklich so? Warum bewahren wir alte Tagebücher oder geerbte Möbelstücke? Aus welchem Grund sammeln wir Bücher, Langspielplatten, Schmuck, erstehen im Urlaub Souvenirs, lesen Muscheln am Strand auf? Vielleicht, weil Objekten neben ihrem materiellen Wert auch ein symbolischer innewohnt. Wir bedienen uns ihrer als Stützen der Erinnerung, sie stehen für erbrachte Leistungen, übernehmen eine repräsentative Funktion. So offenbaren sie die soziale Stellung ihres Besitzers und helfen, diesen in der Gesellschaft zu verorten. Aus psychologischer Sicht verleihen sie aber auch der Vorstellung, die wir uns von uns selbst machen, "eine dauerhafte Form".2 Da diese Selbstbilder in der Regel unbeständig sind, greifen wir – ob bewusst oder unbewusst – auf Objekte zurück, um sie zu stabilisieren.

  1. Jules David Prown, "The Truth of Material Culture: History or Fiction?" In: Steven Lubar/W. David Kingery (Hg.), History from Things. Essays on Material Culture. Washington/London 1993, S. 1–19, hier S. 3. Übersetzung durch den Autor.

Schrank Gegenstände können aber noch mehr: Richtig befragt, fungieren sie auch als Türöffner in vergangene Epochen. Wie das? Nun, Objekte fallen nicht vom Himmel – auch sie "sind das Ergebnis von Ursachen. Es gibt Gründe, warum ein Objekt seine spezifische Gestalt und Beschaffenheit bekommen hat, mit besonderen Motiven verziert, aus einem bestimmten Material gefertigt ist, es eine bestimmte Farbe oder Textur erhalten hat."3 Doch auch jenseits solcher Einblicke in ihre Entstehungskontexte, ihre jeweilige Material- und Herstellungsgeschichte, können uns Objekte Geschichten erzählen. Denn sie sollen eine Funktion übernehmen, Wirkung erzielen, sie werden wahrgenommen – und über diese Ebenen sprechen sie zu uns. Doch ihre Wahrnehmung und Wirkung wandelt sich nicht selten über die Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte: Indem Objekte überarbeitet und angepasst werden, in anderen Kontexten Verwendung finden, in Vergessenheit geraten, an Wert verlieren, wiederentdeckt und neuinterpretiert werden, verändern sie sich – sie sammeln Geschichten. Am Ende solcher Transformationsprozesse finden sie sich mitunter in einem Museum wieder. Ihre Musealisierung, also der Prozess aus Auswählen, Aufbewahren und Präsentieren, führt wiederum dazu, dass sie mit neuen Bedeutungen aufgeladen werden. Daher wohnt historischen Objekten eine faszinierende Mehrdeutigkeit inne, von der sie erzählen können. Jedenfalls dann, wenn wir sie zum Sprechen bringen – und ihnen zuhören. Grund genug, auch die Geschichte der Stadt Münsters einmal anhand von Objekten zu erzählen, die miteinander interagieren und sich zu einer großen Erzählung fügen.

Standuhr Unsere Objekte, die fast alle aus dem Fundus des Stadtmuseums Münster stammen, berühren so unterschiedliche Themenbereiche wie Religion, Politik, Handel, Kultur und Alltagsleben: Ob nun ein spätmittelalterlicher Buchkasten [» Kapitel 4], ein in das 13. Jahrhundert datierender Christus-Kopf aus Baumberger Sandstein [» Kapitel 6], eine Tafelmalerei auf Kiefernholz aus dem Jahr 1497 [» Kapitel 10], ein frühklassizistischer Stuhl aus dem Residenzschloss [» Kapitel 17], das Gästebuch des Friedenssaals von 1848 [» Kapitel 22] oder ein Reisz-Mikrophon aus der Zwischenkriegszeit [» Kapitel 27] – sie alle führen uns mitten hinein ins Geschehen. Darüber hinaus setzen sie uns auf die Fährte von Menschen, die Spuren in der Stadtgeschichte hinterlassen haben, die oft nicht einfach aufzuspüren sind: So etwa auf die eines Schmieds, der um das Jahr 1535 einen außergewöhnlichen Auftrag zur Fertigung von vier eisernen Folterzangen erhielt [» Kapitel 11], die des Goldschmieds Gert Beveren, dessen Windmühlenbecher uns einen interessanten Einblick in die Trink- und Festkultur der lokalen Eliten Münsters zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges gibt [» Kapitel 13], oder des Schreinermeisters C. Zwenhoff, der die Nachwelt mit einer versteckten Botschaft in einem Régence-Schrank überraschte [» Kapitel 15]. Unsere Objekte machen uns darüber hinaus mit dem Münsteraner Uhrmacher Johann Wilhelm Nolda bekannt, dessen Bodenstanduhr mit einem ausgefeilten Musikspielwerk aufwartet [» Kapitel 16], und stellen uns den Kartografen Georg Jacob Christian von Manger vor, dessen Stadtplan nicht nur die zahlreichen Kirchen und Klöster dokumentiert, sondern auch deren zwischenzeitliche Umfunktionierung durch das preußische Militär sichtbar macht [» Kapitel 20]. Sie erzählen uns darüber hinaus etwas über die "Freizeitgestaltung" eines französischen Kriegsgefangenen aus dem Lager II an der Hammer Straße [» Kapitel 26] oder weshalb der ehemalige Aldermann der Großen Schützengesellschaft, Gisbert Drolshagen, mit einer jahrhundertealten Tradition brach und sie zugleich fortführte [» Kapitel 30]. Dass uns diese Objekte auch zu ihren Nutzern und Besitzern führen, versteht sich dabei fast von selbst – ob es sich dabei um das früheste Fundstück menschlicher Besiedlung handelt [» Kapitel 1] oder um ein bronzezeitliches Rasiermesser, dessen Funktion eben nicht so ohne Weiteres geklärt werden kann [» Kapitel 3], um einen Schatz, der über viele hundert Jahre im Verborgenen blieb und auf ein dunkles Kapitel der Münsteraner Stadtgeschichte verweist [» Kapitel 7], oder um ein krudes Brettspiel, das inmitten des Zweiten Weltkrieges die Familien an den Tisch bringen sollte [» Kapitel 28].

  1. Neil Mac Gregor hat mittlerweile ein neues Werk vorgelegt, das die erfolgreiche Erzähltechnik wieder aufgreift: Neil MacGregor, Shakespeares ruhelose Welt. 3. Aufl. München 2014. In den letzten beiden Jahren sind zahlreiche vergleichbare Projekte – insbesondere im angelsächsischem Sprachraum – verwirklicht worden: Finton O’Toole, A History of Ireland in 100 Objects. Dublin 2013; Adrian Horn, A History of the Future in 100 Objects, online abrufbar unter http://ahistoryofthefuture.org/ [7.2.2014]; A History of the Navy in 100 Objects, online abrufbar unter http://www.usna.edu/100Objects/Objects/index.php [7.2.2014]; Kirsten Wehner, Australian History in 10 Objects, online abrufbar unter http://www.abc.net.au/overnights/stories/s3681726.htm [7.2.2014]; Jørgen Bøckman/Marlen Ferrer/Dag Hundstad/Ragnhild Hutchison/Hallvard Notaker, Norges historie i 25 ting. Oslo 2013.
  2. Die Podcastreihe ist noch immer online abrufbar unter http://www.bbc.co.uk/podcasts/series/ahow/all [7.2.2014].
  3. Die Spielregeln zu diesem Projekt legte Mark Damazer fest, Intendant von Radio 4. Zitiert aus Neil MacGregor, "Vorwort. Ein unmögliches Unterfangen", in: ders., Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten. Aus dem Englischen von Waltraud Götting, Andreas Wirthenson und Annabel Zettel. München 2011, S. 11f.

Prinzipalmarkt So gut die Idee auch ist, Geschichte anhand von Objekten zu erzählen, so müssten wir doch schwindeln, wollten wir behaupten, sie sei von uns. Denn angelehnt ist unser Buch an die faszinierende BBC-Podcast-Serie A History of the World in 100 Objects, die durch das British Museum initiiert wurde und mittlerweile auch als Buch eine Vielzahl an Lesern begeistert hat.4 Die 2010 ausgestrahlte Sendereihe5 erzählt die Geschichte der Welt von den Anfängen der menschlichen Kultur bis in unsere Gegenwart anhand der Bestände des Museums, das seine Pforten bereits 1759 für die Öffentlichkeit öffnete. Aus dem Bestand von etwa acht Millionen Objekten wählte sein Direktor, Neil MacGregor, zusammen mit seinem Team jeweils fünf Exponate zu insgesamt zwanzig Themenfeldern aus: "Die Objekte mussten, wenn möglich einigermaßen ausgewogen, die gesamte Welt umfassen. Sie sollten so viele Aspekte menschlicher Erfahrung sichtbar machen, wie das praktisch möglich war, und uns ein umfassendes Bild von den Gesellschaften liefern, nicht nur von den Reichen und Mächtigen […]."6 Damit können und wollen wir nicht konkurrieren. Doch auch wir erzählen anhand einzelner ausgewählter Alltagsdinge und Exponate nicht nur die Geschichte vor Ort, sondern zeigen darüber hinaus größere historische Sinnzusammenhänge auf. Auf diese Weise schreiben wir die Lokalgeschichte Münsters in einen regionalen, deutschen, ja europäischen Rahmen ein: keine Geschichte der Welt, aber eine Geschichte Münsters in 30 Objekten.

Unsere Geschichte Münsters in 30 Objekten, die aus einer Übung aus dem Sommersemester 2013 entstanden ist und von Studierenden des Fachbereichs Design der FH Münster illustriert wurde, ist am 25. Juli 2014 im Münsteraner Aschendorff Verlag erschienen.