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laboratorium für geschichte

Vor dem Zechensterben. Vom richtigen Zeitpunkt mit dem Schreiben zu beginnen

Projekte | | von Alexander Kraus

  1. Martin Wittmann, "Hände hoch! Regisseur Quentin Tarantino über seinen neuen Film 'Django Unchained', seine Jugend im Pornokino, das Nibelungenlied und die große Liebe", Süddeutsche Zeitung, Nr. 9, 11. Januar 2013, S. 10.

"Was ich am liebsten mag am Storytelling", so hat es der Regisseur Quentin Tarantino unlängst in einem Interview über seinen aktuellen Film Django Unchained verraten, "ist die Entwicklung, die eine Geschichte durchläuft." Die ganze Geschichte, die sich im Material versteckt, könne erst dann erfasst werden, wenn "man damit anfängt, sie aufzuschreiben. Erst dann lernt man seine Charaktere kennen und sieht Aspekte, an die man zuvor nicht zu denken vermocht hat."1

  1. "Vom Schreiben, ohne zu wissen, wie es endet - Hans-Jörg Rheinberger", in: Alexander Kraus/Birte Kohtz (Hg.), Geschichte als Passion. Über das Entdecken und Erzählen der Vergangenheit. Zehn Gespräche, Frankfurt/New York 2011, S. 267-291, hier S. 279f.

Im Kern ist das gar nicht so weit weg von dem, was der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger über das Schreiben von wissenschaftlichen Texten zu sagen hat, schließlich wisse er, wenn er mit dem Verfassen eines Textes beginne, eben in der Regel noch nicht, wie die finale Version klingen wird. Mehr als einen "Kristallisationspunkt" hat er zumeist nicht. Vielmehr sei es so, dass die "Dinge sozusagen an ihren Platz fallen, sich irgendwie zu fügen beginnen im Schreibprozess oder der Organisation desselben." Einzelne Gedanken formieren sich erst im Prozess des schriftlichen Festhaltens.2

Im studentischen Schreiben – ohne, dass ich dafür validable Zahlen bringen könnte – scheint sich indes eine andere Vorgehensweise eingebrannt zu haben: erst genau dann zu beginnen, wenn alle relevanten Texte und Quellen bearbeitet worden, jeder Gedanke im Kopf bereits einmal vorformuliert worden ist. Von Erfolg gekrönt sind diese Versuche in der Regel nicht, machen doch auch die Studierenden die Erfahrung, dass sich der Text während des Schreibens verselbständigt, sich von dem, was ursprünglich einmal angedacht war, entfernt. Was sich dabei bahnbricht, ist einerseits die von Tarantino genannte ganze Geschichte, andererseits vielleicht aber auch die eigene Erzählstimme, die sich eben nicht einsperren lassen will in starre Systematiken – und sich folglich auch nicht einfangen lässt.

In einem aktuellen studentischen Schreibprojekt, dass ich gemeinsam mit Daniel Schmidt vom Institut für Stadtgeschichte, Gelsenkirchen zur Geschichte des schwarzen Golds Gelsenkirchens anbiete, versuchen wir explizit, diese eigenen Erzählstimmen aufzuspüren und zur Entfaltung zu bringen. Deshalb haben wir schon während des laufenden Semesters mit der Produktion der Texte begonnen. Dies aber wohlgemerkt erst nach einem zweifachen Begleitprozess – dem im Archiv vor Ort in Gelsenkirchen, um des Materials Herr zu werden, und dem gemeinsamen Feilen an einer Storyline für die entsprechenden Buchbeiträge, die in intensiven vier-Augen-Gesprächen miteinander entwickelt wurden. In der aktuellen Projektphase diskutieren wir nun wieder gemeinschaftlich die Umsetzungen dieser Konzeptionen und versuchen das Gespür für die eigene Erzählstimme zu schulen und die Charaktere der zu schreibenden Geschichten besser kennen zu lernen. Das Ergebnis der Arbeit wird Ende des Jahres 2013 im Klartext-Verlag zu lesen sein.