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"Ich denke am besten, wenn ich schreibe." Thomas Großbölting über das Verfassen geschichtswissenschaftlicher Texte

Stimmen | | von Gräfenberg/Poos

  1. Über die Junge Akademie [01.03.2013].

Die gesamte Wissenschaftspraxis einer Disziplin auf wenigen Seiten möglichst umfassend darzustellen, erscheint auf den ersten Blick als eine unlösbare Aufgabe. Doch exakt dieser Herausforderung widmeten sich im Jahr 2010 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen im Rahmen der "Jungen Akademie". Diese, im Jahr 2000, als gemeinsames Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gegründet, möchte den gewählten jungen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern Gestaltungsräume über ihre eigenen Fachdisziplinen hinaus eröffnen – mitunter über gemeinsam zu entwickelnde wissenschaftliche Projekte.1

  1. E.-M. Engelen/C. Fleischhack/C.G. Galizia/K. Landfester (Hg.), Heureka – Evidenzkriterien in den Wissenschaften. Ein Kompendium für den interdisziplinären Gebrauch, Heidelberg 2010.

Ein solches war die Publikation des Buchs Heureka – Evidenzkriterien in den Wissenschaften. Ein Kompendium für den interdisziplinären Gebrauch.2 Wie der Titel vermuten lässt, ging die Gruppe der Frage nach, wann in der jeweils eigenen Disziplin neue Forschungserkenntnisse als erwiesen gelten. Dieser Problematik näherten Sie sich über sogenannte "Heureka"-Momente. Zielsetzung der Texte war es, Studienanfängern und einem Publikum außerhalb der akademischen Welt anschaulich zu erklären, wie der Erkenntnisprozess in den jeweiligen Disziplinen abläuft. Die Aufgabe, die Geschichtswissenschaft darzustellen, übernahm der Professor für Neuere und Neuste Geschichte am Historischen Seminar der WWU Münster – Thomas Großbölting. Der Münsteraner Historiker verfolgt in seinem Text eine eher unkonventionelle Herangehensweise an die Vorgabe, zeigt er doch auf, dass jenes Heureka-Erleben – sich in einem einzigen Moment verdichtende Erkenntnis – mit dem Erkenntnisgewinn der Geschichtswissenschaft nichts gemein hat. Im Interview stehen daher Fragen nach den Spezifika der Geschichtswissenschaft im Zentrum, ihrer gegenwärtigen Verfassung aber auch nach dem Prozess des Festhaltens geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis – dem Schreiben von Geschichte.

Über die Bedeutung von »Heureka« in der Geschichtswissenschaft

  1. Thomas Großbölting, "Geschichtswissenschaft", in: E.-M. Engelen/C. Fleischhack/C.G. Galizia/K. Landfester (Hg.), Heureka –Evidenzkriterien in den Wissenschaften. Ein Kompendium für den interdisziplinären Gebrauch, Heidelberg 2010, S. 75-90.

[1] Der "Heureka"-Moment bildet den roten Faden des Buchs. Allerdings hielten sich manche der Autorinnen und Autoren stärker an diese Vorgabe, andere – darunter Sie – weniger.3 Gehört dieser Moment nicht zu Ihrem Bild der Geschichtswissenschaften?

Thomas Großbölting: Die Geschichtswissenschaft hat keine wirkliche »Heureka«-Legende ausgeprägt. Archimedes ist Historikern und Historikerinnen als Denkfigur fremd, verläuft der Erkenntnisfortschritt doch eher kumulativ. So ist jedenfalls das Selbstverständnis des Faches. Es gibt kontinuierlich neue Informationen, die zusammengetragen werden und gelegentlich in neue Interpretationen münden.

[2] Wenn in der Geschichtswissenschaft wirkliche »Heureka«-Momente nicht vorkommen, wie haben Sie diese dann in Ihrem Beitrag verarbeitet?

Dieser Text hat zwei Stoßrichtungen: Auf der einen Seite wollte ich die Idee zerstören, dass es einen "Heureka"-Moment in der Geschichtswissenschaft gibt. Auf der anderen Seite musste ich nachdenken, was denn den Kern des Faches ausmacht. Die Geschichtswissenschaft befindet sich momentan in einer Phase, die relativ offen ist, was die methodischen Herangehensweisen angeht. Wir haben nicht mehr, wie beispielsweise zu den Hochzeiten der Bielefelder historischen Sozialwissenschaften, den einen großen Orientierungspunkt oder Gegner, an dem man sich abarbeiten kann. So stellt sich schnell die Frage: Was machen wir eigentlich? Wie beurteilen wir geschichtswissenschaftliche Produkte? Was ist gut, was ist schlecht? Ich habe beim Abarbeiten der Beispiele herausstellen wollen, was die Standards unserer Wissenschaft sind und habe versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Dies beispielsweise über Zitate aus den Klassikern wie Droysen, das Vetorecht der Quellen oder den Kult des Archivs. Es gibt bestimmte methodische Herangehensweisen, die Historiker pflegen und die sich von anderen Fächern unterscheiden.

  1. Barbara Stollberg-Rilinger, Des Kaisers alte Kleider: Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches, München 2008.

[3] Innerhalb Ihres Beitrags rücken Sie aber dennoch einzelne Kolleginnen und Kollegen zentral. So zeigen Sie beispielsweise anhand von Barbara Stollberg-Rilingers Analyse der Symbolsprache des Alten Reiches,4 dass viele Historikergenerationen zuvor nicht die Bedeutung des Symbolischen gesehen haben, sie dagegen schon. Sie haben eine Historikerin herausgegriffen, die angefangen hat, etablierte Deutungen zu hinterfragen, anders hinzusehen. Auch dies ist zwar kein "Heureka"-Moment im eigentlichen Sinne, aber würden andere Beispiele das kumulative Arbeiten nicht viel stärker unterstreichen? Wäre dies nicht ein überzeugenderer Weg, als der, den Sie gewählt haben?

Aus dem Kontext des Bandes, wo es eben um "Heureka"-Momente gehen sollte, habe ich dieses Beispiel gewählt, weil es aus meiner Sicht noch stark den Charakter des Sensationellen hat. In der neuesten Geschichte hingegen erkenne ich als Insider viel deutlicher, dass der Wissensfortschritt in der Geschichtswissenschaft nur graduell und puzzlehaft stattfindet. Vielleicht bin ich in die Falle der eigenen Vorgaben getappt, was den "Heureka"-Moment betrifft.

Zum Verfassen wissenschaftlicher Texte

[4] Wenn es solche äußeren Fallen gibt liegt die Frage nahe, wie Sie denn das Schreiben eines Artikels angehen? Was sind Ihre ersten Schritte bei der Auseinandersetzung mit einem neuen Thema?

Bei den meisten Artikeln brauche ich eine gewisse Zeit, um einen Zugang zu dem Problem zu finden: Wieso ist das Problem auch mein Problem? Dann notiere ich ein, zwei Seiten mit Stichpunkten und treffenden Zitaten. Im nächsten Schritt versuche ich, dem eine Gliederung zu geben. Nach und nach gelingt es mir dann, die einzelnen Punkte mit Text zu füllen.

[5] Mit dem Buch richtet sich die »Junge Akademie« explizit auch an Nicht-Studenten und Studienanfänger. Ist Ihnen das Schreiben leichter oder schwerer gefallen – schließlich schrieben Sie nicht für das Fachpublikum?

Es ist mir nicht schwerer gefallen, weil wir eine intensive Diskussion unter den Beiträgern hatten. Daher war mir klar, in welche Richtung sich der Text entwickeln sollte. Es ist auch deswegen nicht schwerer gefallen, weil Fachtexte davon leben, dass in ihnen eine Menge von Informationen und empirischem Material verarbeitet wird. Das fiel bei diesem Artikel weitestgehend aus, da es sich um einen eher theoretischen Text handelte.

[6] Wie können wir uns Ihren Schreibprozess vorstellen? Entwickeln und verfeinern Sie ihren Text eher über einen längeren Zeitraum oder schreiben Sie ihn in kurzer Zeit herunter und verändern dann nicht mehr viel daran?

Für mich ist Schreiben immer mit Schwierigkeiten verbunden. Es passiert in der Regel nicht, dass ich mich zwei Stunden am Stück hinsetze, zehn Seiten schreibe und dann fertig bin. Ich gehöre zu der Art von Autoren, die ihre Vorgehensweise erst während des Schreibens entwickeln. Ich denke am besten, wenn ich schreibe, wenn ich versuche aufzuschreiben, was meine Lösung ist. Deswegen produziere ich immer viele Seiten und es kommt dabei vergleichsweise wenig rum. Ich habe meistens mehrere Dateien mit etwa 50 Seiten auf dem PC gespeichert, von denen nur zehn Seiten ›wirklicher‹ Text sind. Der Rest sind Notizen, Zitate oder Abbildungen, die ich gedenke, in den Artikel mit einzuarbeiten.

[7] Einen Historiker, so schreiben Sie in Ihrem Beitrag, mache vor allen Dingen sein bleierner Hintern aus. Dabei drängt sich der Eindruck auf, man müsse nur jeden Tag acht Stunden lesen, dann komme der Erkenntnisgewinn irgendwann von ganz alleine. Welche Rolle spielt hierbei eine gewisse Distanz, ein kreativer Abstand zum eigentlichen Forschungsobjekt?

Ich glaube, dass ich in Momenten der Distanz von der Arbeit unbewusst darüber nachdenke. Ich bin aber darauf angewiesen, dass der Bildschirm flackert, die Tastatur vor mir steht und ich etwas notieren kann.

[8] Haben Sie den Text Geschichtswissenschaft und nicht Geschichtswissenschaften überschrieben, weil Sie versucht haben, etwas zu formulieren, das alle unterschreiben könnten? Von welcher Seite könnte es Gegenwind geben?

Von jeder!

Der geschichtswissenschaftliche Erkenntnisgewinn

[9] In manchen Passagen äußern Sie sich regelrecht negativ gegenüber neuen Entdeckungen in der Geschichtswissenschaft. Ist diese Skepsis beabsichtigt? Transportiert der Text angesichts dieser Zurückhaltung überhaupt eine wirkliche Begeisterung für die Disziplin?

Im Sinne einer Image-Broschüre für das Fach wäre der Text tatsächlich nicht geeignet. Aber er vertritt sowohl mein professionelles Selbstverständnis als auch das vieler anderer Historiker: Die professionelle Skepsis gegen dem Bedürfnis, ständig sensationelle Entdeckungen zu machen und zu präsentieren. Ich denke, die Kompetenz von Historikern besteht darin, Vergangenheitsbezüge und deren Einbettung in den jeweiligen Kontext zu leisten und damit den "Sensationalismus" zu dämpfen. Historiker leben gerade davon, einzelne Ereignisse in größere zeitliche Kontexte einordnen zu können. Das macht im Prinzip nicht 'nassforsch' für den Augenblick aber doch etwas 'weise' für die Ewigkeit.

[10] Angesichts Ihrer Skepsis den »großen Sensationen« gegenüber und dem kumulativen Erkenntnisgewinn – wo sehen Sie denn in der Geschichtswissenschaft einen erheblichen Erkenntnisgewinn? Anhand welcher Faktoren lässt sich das Neue, der Fortschritt, denn erkennen, wenn es nicht sensationell verpackt ist?

Es sind nicht die »Sensationen«, die vordergründig als solche verkauft werden. Dies lässt sich am Beispiel der Erforschung des Nationalsozialismus beschreiben. In der deutschen wie auch der internationalen Geschichtsschreibung ist zu sehen, wie wir seit den 50er Jahren damit ringen, dieses besondere Phänomen zu verstehen – und das auch immer besser können. Es sind ganz bestimmte Stufen erkennbar, auf denen sich nicht über einen einzigen Quellenfund aber doch über Gesamtinterpretationen ein tieferes Verständnis dieser zwölf Jahre der deutschen Geschichte aufzeigen lässt. Das ist revolutionär – nicht, weil es zeitlich geballt und umstürzend ist, sondern weil dort von verschiedenen Leuten Informationen zusammengetragen und dann zu einer Gesamtsicht kompiliert werden.

[11] Sie erleben Erkenntnismomente am ehesten beim Schreiben, im Ausprobieren, bei der Arbeit am Schreibtisch. Es gibt aber viele Beispiele für Kolleginnen und Kollegen, für die gerade Zufälle außerhalb ihres Arbeitsumfeldes von Bedeutung für ihre neuen Erkenntnisse sind. Wenn Sie dies mitbedenken würden, müssten Sie den Text dann anders schreiben?

Ich hätte den Text auch anhand von persönlichen "Heureka"-Momenten schreiben können. Wobei wir zwischen dem persönlichen und dem allgemeinen Erkenntnisgewinn unterscheiden müssen. Viele Erkenntnisse sind schon mal gedacht worden. Hierbei handelt es sich dann um persönliche Erkenntnisfortschritte – was diese aber nicht abwertet. Ganz im Gegenteil – dies ist eine wichtige Stufe. Ob dies aus der Vogelperspektive der Gesamtwissenschaft dann aber der große Durchbruch gewesen ist, möchte ich bezweifeln.

[12] Lässt sich im Erkenntnisfortschritt der Einbezug anderer Disziplinen erkennen? Beispielsweise der Sozialwissenschaften im Fall der Sozialgeschichte?

Nicht unbedingt. Die historischen Sozialwissenschaften sind ein Beispiel, wo das Integrieren von anderen Methodenbeständen funktioniert hat. Das ist aber nicht unbedingt typisch. Im Historismus entwickelten die Historiker eine eigene Herangehensweise, dies aber auch in Zusammenarbeit mit den Philologen. Bei der kulturwissenschaftlichen Wende wiederum werden verschiedene Elemente übernommen und angepasst. Man kann nicht sagen, dass immer dann, wenn von außen ein kluger Gedanke kommt, auch die Geschichtswissenschaft einen großen Schritt macht.

[13] Es scheint meist so, als schwimme man als Historiker zwischen den "Heureka"-Momenten anderer. Sie sagen, neue Quellen und neue Ideen führen zu Erkenntnisgewinn. Letztere kommen jedoch nicht selten gar nicht aus der Geschichtswissenschaft. Es wirkt als wären es zumeist die andern, die "Heureka" schreien.

Man könnte es eher umgekehrt sagen. Die anderen schreien viel öfter "Heureka", weil ihnen viele Dinge nicht mehr bekannt sind. Sie haben sie schlicht vergessen. Aber ich glaube nicht, dass wir uns deswegen genieren müssten. Ich bin der Meinung, dass das Integrieren verschiedener Wissensmomente eine große Leistung der Geschichtswissenschaften ist, wenn es darum geht, Erkenntnisse zu gewinnen, die über das Spezialwissen einer Disziplin hinausgehen. In dem Sinne ist es mit dem Verwalten, dem Integrieren oder Moderieren von Wissen ganz richtig getroffen.

[14] Wie sehen Sie die Rolle von Tagungen und Konferenzen für die Beantwortung wissenschaftlicher Fragen und den Wissensfortschritt innerhalb der Disziplin?

Tagungen und Kongresse haben eine soziale, aber nur eingeschränkt eine inhaltlich wissenschaftliche Funktion. Selbst was man als Arbeitszusammenhang definiert, hat eine soziale Funktion, indem man Leute trifft, mit ihnen spricht und Positionen austauscht. Diskussionen sind oft nicht ergebnisoffen, sondern markieren Positionen in diesem Feld. Das Gegenbeispiel ist ein konzentriertes Arbeiten unter Wenigen, so zum Beispiel wenn sich eine Gruppe von drei bis fünf Leute zusammensetzt und gemeinsam die Ärmel hochkrempelt, um ein spezifisches Problem zu erörtern. Wenn wir im Historischen Seminar versuchen, ein Großforschungsprojekt, beispielsweise einen Sonderforschungsbereich, durchzudenken, passiert es, dass man durch gemeinsames Nachdenken weiter kommt. Auf dem Historikertag oder anderen Großkongressen geschieht dies meines Erachtens weniger. Da geht es eher darum zu zeigen, was die Breite des Faches ausmacht. Da sind es eher die Gang- und Kaffeegespräche, die zu Heureka-Momenten führen.

[15] Sie erwähnten bereits, dass es eine Kompetenz der Geschichtswissenschaft sei, Wissen zu integrieren und zu moderieren, indem durch verschiedene Menschen zusammengetragene Informationen zu einer Gesamtsicht kompiliert werden. Was sehen sie folglich als die gesellschaftliche Aufgabe eines Historikers an?

Ich denke, dass das Bild der »Historiker als Anwälte der Vergangenheit« die professionelle Realität am ehesten repräsentiert. In dem Sinne, dass wir diejenigen sind, die im Moment, wo Geschichte »en vogue« ist, zitiert und gebraucht werden. Es ist unsere Rolle, die Vorurteile, die die Vergangenheit betreffen, aufzudröseln oder produktiv infrage zu stellen. Da sind wir anders als Soziologen oder Politikwissenschaftler, die stärker mit ihren Analysen auf die Gegenwartsgesellschaft zielen. Mit der Tiefe unseres Wissens können wir den einen oder anderen Punkt in die Debatte einbringen.

Entwicklungen in und Zustand der Geschichtswissenschaft

[16] Ihr Text beschreibt, wie in den letzten Jahren durch die Entwicklung der Geschichtswissenschaft verschiedene "turns" stattgefunden haben. Wie sieht das "Jetzt-Bild" der Geschichtswissenschaft aus? Gibt es aktuell vorherrschende Paradigmen oder hat man sich mittlerweile davon distanziert?

Ich glaube, dass wir als Disziplin sehr gut dastehen. Es gibt ein hohes Maß an Selbstreflexion und kaum Historiker, die meinen, man brauche lediglich ein paar Informationen zusammenbasteln und hätte dann eine wissenschaftliche Studie. Eine solche historische Naivität gibt es eigentlich nicht mehr. Es gibt eine breite Öffnung für interdisziplinäre Zusammenarbeit und ein großes Selbstbewusstsein, was die eigenen Stärken des Faches betrifft. Man ist nicht mehr abhängig. Es gibt ein starkes Bewusstsein, was die Geschichtswissenschaft leisten kann und wo sie sehr selbstbewusst Anleihen bei anderen macht. Dass es aktuell ein starkes oder gar dominierendes Paradigma gäbe, sehe ich allerdings nicht. Wohl gibt es verschiedentlich den Versuch, die Einzelbeobachtungen zu einer integrierenden Erzählung zusammenzubringen.

[17] Neben der Suche nach der "integrierenden Erzählung" – was würden Sie als hervorstechendes Merkmal der geschichtswissenschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte bezeichnen? Wie sehen Sie die Zukunft der Disziplin?

Wir erleben in vielerlei Hinsicht die Rückkehr der harten Faktoren. Die Wirtschaftsgeschichte hat sich aus der Zeitgeschichte weitestgehend verabschiedet. Seit 2008 merken wir mit der Bankenkrise, wie stark unser Leben wirtschaftlich gesteuert wird und wie wenig wir das als Historiker in unserer Arbeit berücksichtigen. Desweiteren gibt es eine zweite Entwicklung: Uns ist seit den letzten 20-30 Jahren viel mehr bewusst, dass wir eine gewisse Wirkung in der Öffentlichkeit besitzen. In den 70er Jahren fragte man auf dem Historikertag noch, wozu Geschichte eigentlich gut sei. Heute wissen wir, wie viele Leute sich um unser Fach bemühen. Viele haben sowohl aus Informations- als auch aus Unterhaltungsgründen an unserem Fach Interesse. Das verpflichtet dazu, unsere Ergebnisse so an den Mann und die Frau bringen, dass es in mehreren kompakten Thesen zusammenzufassen ist. Es darf nicht mehr alles in Wissen zerfallen, das nur Spezialisten interessiert. Es müssen Geschichtsbilder angeregt und kritisch in Frage gestellt werden. Ich denke, dass dies die Suche nach der Einheit des Faches befördert hat.

[18] Angenommen es gelänge uns eines Tages eine integrierende Erzählung zu etablieren, was würde sich in Bezug auf den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess ändern? Für wie wahrscheinlich halten Sie eine solche Entwicklung?

Ich glaube, dass die integrierende Erzählung nicht in der Wissenschaft nachgefragt ist, sondern beim Publikum. Geschichte hat mit Identitätskonstruktion zu tun. Diese Identitätserzählungen sollten aber nicht anderen Leuten überlassen werden, die versuchen, ihre politisch motivierten Geschichten zu erzählen. Ob man wissenschaftsintern überhaupt eine Chance hätte, eine Erzählung dominant darzustellen, glaube ich nicht. Das Fach ist im positiven Sinne so verschieden, dass es nicht funktionieren würde. Die Zeit der großen normierenden Denker und Denkerinnen ist vorbei.

[19] Gibt es also überhaupt noch Säulen des Wissens, die nicht umzustoßen sind?

Ich weiß nicht, ob wir es "Säulen des Wissens" nennen sollten. Der Erkenntnisprozess lebt davon, dass wir alles infrage stellen können. Wenn wir auf die identitätsstiftende Funktion von Geschichte blicken, geht es darum, dass Gemeinschaften und Gesellschaften durch Rückbezug auf die Vergangenheit Fundamente ausbilden. Die interne Reflexivität ist ein wichtiger Prozess, der zeigt, dass man nichts für absolut setzen kann. Hierbei handelt es sich um einen gesellschaftlich wichtigen Lernprozess. Darüber hinaus wird man sich im politischen Bereich für verschiedene Werte entscheiden können, die unhinterfragbar sind. Ich glaube jede Gesellschaft braucht einen bestimmten Grund, der unerschütterlich bleibt. Das ist aber kein wissenschaftliches, sondern ein politisches Geschäft.

[20] Geschichte steht immer auch im Spannungsverhältnis zur Politik. Wie stark ist das Forschungsinteresse beeinflusst? Wie viel Freiheit haben wir noch?

Das würde ich nicht so skeptisch sehen. Die großen Forschungsförderinstitutionen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sind keine politischen, sondern wissenschaftsinterne Institutionen. Die großen Programme werden nicht von Politikern vorgegeben, sondern aus den wissenschaftlichen Gemeinschaften selbst produziert. Wenn die Trends und "turns" da sind, gibt es gewisse Moden, denen man sich anpasst und unwillkürlich in gewisser Weise annähert. Es gibt diejenigen, die bewusst gegen den Strom schwimmen und damit die Chance haben, den Trend zu kippen oder für sich zu entscheiden. Wenn man mit denen spricht, die im Fachkollegium der DFG für die Geschichtswissenschaft arbeiten und sich die Anträge anschauen, hört man oft, dass sie eigentlich auf der Suche sind nach Dingen, die nicht stromlinienförmig funktionieren, sondern etwas ganz Neues auf das Parkett brächten. Ich bin der Meinung, dass das ein selbstregulierender Vorgang ist, der ganz gut funktioniert. An der Universität merke ich keinen wirklichen Druck.

[21] Der Einfluss des öffentlichen Interesses an der Geschichte wird in Ihrem Text immer wieder eher skeptisch und leicht negativ umschrieben. Erachten Sie das öffentliche Interesse an der Geschichte wirklich für eher hinderlich? Oder gibt es auch Momente, in denen das öffentliche Interesse die Geschichtswissenschaft nach vorne gebracht hat?

Ich glaube, dass wir von den öffentlichen Anfragen und dem Orientierungsbedürfnis der Öffentlichkeit stark geprägt sind. Wir werden sehen, dass in den nächsten Jahren, auch in den Geschichtswissenschaften, sehr viel stärker über die Bindekräfte von Gesellschaft oder über Begriffe wie soziale Gerechtigkeit historisch geforscht werden wird. Dieses Thema treibt speziell uns in Deutschland und in Europa allgemein stark um. Es ist deshalb wichtig, weil wir den Kontakt zur Öffentlichkeit suchen und eine öffentlichkeitsorientierte Wissenschaft sind.

[22] Warum denken Sie, dass gerade die Geschichtswissenschaft eine so wichtige Rolle in diesen Forschungen haben wird? Warum nicht etwa die Sozialwissenschaften?

Im Gegensatz zu anderen Wissenschaften entwickeln wir keine Fachsprache, sondern bedienen uns dessen, was im Alltag gesprochen wird. Es sehen auch einige unsere Kompetenzen darin, dass wir verständlich machen können, was im 18. Jahrhundert gesprochen wurde. Gerade in diesen Interpretationsleistungen sehe ich uns stärker als manche Spezialisten-Fächer.

[23] Das Etablieren einer Fachsprache ist indes auch nicht allein negativ zu werten. Wo sehen Sie auf der anderen Seite die Nachteile einer sich nur wenig von der Alltagssprache unterscheidenden Sprache der Geschichtswissenschaften?

In vielen Fällen ist es so, dass man mit einer sehr spezialisierten Sprache einen gewissen Problemhorizont einfängt. Die Begriffe sind dann nicht alltagssprachlich, sondern im Wissenschaftskontext geprägt. Es ist eine besondere Kunst schwierige Sachverhalte einfach darzustellen. Ich wünsche mir nicht, nur Wissenschaftler zu haben, die allein für das allgemeine Publikum schreiben, glaube aber, dass sie eine wichtige Aufgabe übernehmen.

[24] Trotz der allgemein verständlichen Sprache gibt es gewisse Vorgehensweisen, die geschichtswissenschaftliche Texte von journalistischen Texten abheben. Welche sind das?

Wenn ein Text von vorne herein nur seine Sicht gelten lässt und nie in den Modus des Abwägens schaltet, dann ist es kein wissenschaftlicher Text. Dann geht es nicht um das Abwägen und Entwickeln eines Arguments, sondern um deren plakatives Vorbringen. Als Wissenschaftler muss ich erklären, wie ich zu den Ergebnissen komme. Das ist ein Metaschritt, den feuilletonistische, journalistische oder literarische Texte nicht unternehmen und auch nicht unternehmen müssen.

Dieser Text entstand im Rahmen der Übung "Zugänge. Varianten des historischen Erzählens" im WiSe 2012/13. Die Fragen stellten Henning Bovenkerk, Felix Gräfenberg, Rike-Kristin Liebsch, Dorothee Menne, Tina Müller, Niklas Pelizäus, Dominik Poos, Lena Roark, Fatima Sleiman, Patrick Zemke und Alexander Kraus. Die Ausarbeitung des Interviews übernahmen Felix Gräfenberg und Dominik Poos – beide studieren an der WWU Münster, ersterer den Master of Arts Geschichte im 1. Fachsemester, letzterer Geschichte und Anglistik/Amerikanistik im 5. Fachsemester.