{ laboratorium für geschichte }

laboratorium für geschichte

Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für das Leben. Matthias Pohlig über philosophische Köpfe, Wahrheitssuche und Spielverderber

Stimmen | | von Scholten/Schlegel

Die Geschichte als Lehrmeisterin für das Leben? Das war einmal. Während man früher im ciceronischen Sinne an den Vorbildcharakter der Historie für die eigene Gegenwart glaubte, ist dieses Bild seit dem 19. Jahrhundert zwiespältig. Heute steht dem Boom historischer Ausstellungen und der Beliebtheit von Geschichtssendungen mehr denn je die Frage nach dem Sinn der Beschäftigung mit Geschichte gegenüber. Wann lohnt sich historisches Wissen – wann ist es möglicherweise sogar überflüssig? Der Historiker Matthias Pohlig, Juniorprofessor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, hat keine Scheu, die Grenzen seines Faches zu formulieren. Schon in seiner Dissertation im Rahmen der Reformationsgeschichte reflektiert er die Bedeutung von Historikern für die Gesellschaft, in der sie leben. Diskussionen über das Verhältnis von Gesellschaft und Geschichte und ihren Nutzen stehen auch in seinen Lehrveranstaltungen immer wieder im Mittelpunkt. Im Gespräch mit zwei angehenden Historikern stellt er fest: Geschichte ist zunächst einmal für die Gesellschaft ein Luxus – aber einer, den sich die Menschen leisten sollten.

[1] Friederike Scholten/Frank Schlegel: Friedrich Nietzsche schrieb einmal, dass zu viel Geschichte den Menschen vom aktiven Leben abhalten könne. Herr Pohlig, sehen auch Sie die Gefahr einer schädlichen Geschichte?

Matthias Pohlig: Das ist natürlich eine Polemik. Eine Polemik, die sich gegen die universitäre, aber auch außeruniversitäre Geschichtskultur des späten 19. Jahrhunderts richtet und nur schwer auf unsere Situation übertragbar ist. Wir glauben noch weniger als die Historiker des 19. Jahrhunderts, dass man unmittelbar aus der Geschichte lernen kann. Wir sind sehr viel kritischer und skeptischer – zum Glück. Diese Art von Schädlichkeit, die Nietzsche diagnostiziert, hat mit seiner Obsession im Zusammenhang mit Leben, Vitalität und Lähmung zu tun. Er sieht im Grunde das für ihn krasseste Symptom einer epigonalen Spätkultur, die sozusagen nicht mehr den Mut und die Kraft hat, Menschen wie Alexander den Großen hervorzubringen.

[2] Wie kommt es dann, dass Sie in Anlehnung an Nietzsches Schriften zur Wissenschaft im vergangenen Semester ein Seminar mit dem Titel "Vom Nutzen und Nachteil der Historie" gehalten haben?

Dieser Titel von Nietzsche ist nach wie vor hilfreich, weil er provokativ ist. Er führt uns überhaupt erst einmal vor Augen, dass es denkbar ist, die Beschäftigung mit Geschichte könne nachteilig sein. Wobei natürlich die Frage ist, was daran in unserer heutigen Zeit nachteilig sein könnte, denn Nietzsche wollte damit ja in erster Linie die Bildungsideale des 19. Jahrhunderts kritisieren. Genauso ist aber auch die Frage des Nutzens von Geschichte interessant, weil eben auch 'Nutzen' kein sehr klar definierter Begriff ist. 'Nutzen' kann alles Mögliche bedeuten: Die Beschäftigung mit Geschichte kann für den Einzelnen, für eine Gruppe oder eine ganze Gesellschaft nützlich sein und zwar in vielerlei Hinsicht, ökonomisch wie auch politisch. Nützlichkeit lässt sich demnach unterschiedlich verstehen: zum einen vor dem Hintergrund einer professionalisierten Geschichtswissenschaft, zum anderen vor dem Hintergrund einer Geschichtskultur, die sich zum Beispiel in Museen zeigt. Und gerade dort ist die Frage nach dem Nutzen für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft sinnvoll.

[3] Gerade in Museen kommt die Gesellschaft mit Geschichte in Berührung. Wie beurteilen Sie als Historiker die deutsche Museumslandschaft?

Zunächst ist es diagnostisch interessant, dass nach einer langen Pause historische Ausstellungen richtig boomen. Die Frage ist natürlich, warum? Man kann es in den Kontext von Infotainment stellen, in den man auch die ZDF-Dokumentationen zu Hitler oder anderen Themen einordnen könnte. Aber bei historischen Ausstellungen spielt eben nicht nur das Dritte Reich eine Rolle.

Ich denke, die meisten professionellen Historiker haben ein Problem mit sehr populären Ausstellungen oder auch den Produktionen von Guido Knopp aufgrund unklarer Vermittlungsleistungen. Was soll in ihnen eigentlich vermittelt werden und für wen? Was sind dabei die Standards, die wir aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive nicht aufgeben wollen? Das lässt sich allerdings nur im Einzelfall beantworten und es bleibt immer schwierig.

Eigene Erfahrungen damit habe ich im Deutschen Historischen Museum in Berlin machen können. Durch meinen Doktorvater (Heinz Schilling) hatte ich die Gelegenheit bekommen, dort die Raumtexte für die Zeit zwischen 1517 und 1648 zu überarbeiten. Dabei galten gewisse Ausstellungsstandards. Zum Beispiel darf ein Satz, den ein Besucher liest, nur eine bestimmte Wortanzahl haben. Sogar Zeilenumbrüche sind angeblich wahrnehmungspsychologisch relevant. Dabei habe ich dann festgestellt, dass eine Ausstellung eben kein Geschichtsbuch ist. Dennoch sieht man als professioneller Historiker historische Ausstellungen oder auch Guido Knopp immer mit ein bisschen Bauchschmerzen.

"Eine historische Ausstellung ist eben kein Geschichtsbuch"

[4] Trotz der Bauchschmerzen – ist Geschichtsvermittlung auf diesem Wege nicht besser als gar keine?

Ihre Frage setzt voraus, dass es in irgendeiner Weise gut ist, sich mit Geschichte zu beschäftigen. Für eine Gesellschaft als Ganze, vor allem in ihren politisch institutionell erfassten Teilen, ist es wichtig, dass es eine Selbstreflexionsebene, auch historischer Art, gibt. Für die einzelnen Mitglieder dieser Gesellschaft aber gibt es keine Pflicht, sich für Geschichte zu interessieren oder sich mit ihr zu beschäftigen. Das ist einfach Privatsache. Ich glaube aber, dass Gesellschaften, möglicherweise auch Individuen, interessanter, klüger und reflektierter sind, wenn sie sich von Zeit zu Zeit mit Geschichte beschäftigen – auf welchem Level auch immer.

  1. Das Cicero-Diktum "historia magistra vitae" (übersetzt: Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens), beschreibt die Idee, aus der Geschichte für künftiges Handeln unmittelbar zu lernen.

[5] Welche Bedeutung hat Geschichte heute dann im Vergleich zu früheren Zeiten, in denen etwa die historia magistra vitae-Idee1 vorherrschte?

Das ist das Interessante an unserer derzeitigen Kultur: Geschichte spielt schon längst nicht mehr die Rolle, die sie in der Kultur des vormodernen Europa gespielt hat, in der eigentlich permanent mit Geschichte, Traditionen und Herkunft argumentiert wurde. Das Alte war das Gute – man musste entweder zum Alten zurück oder hat sich darauf bezogen, um Handlungen zu rechtfertigen. So argumentieren wir heute nicht mehr. Das Alte ist nicht das Gute, es ist einfach nur da. In diesem Sinne ist unsere Art zu denken eine viel weniger historische als die in den letzten zweitausend Jahren. Dies bildet aber die Voraussetzung dafür, unser Denken auf ein anderes Level zu heben. Im Grunde ist unser Denken dann doch weitaus historischer, weil Geschichte für uns wirklich vergangen ist und wir in ganz neuer Weise über sie nachdenken. Wir benutzen sie nicht primär als ein Legitimationsmittel, sondern als Spiegel, Folie, zur Selbstreflexion und, wie Nietzsche schon andeutet, zur Konstruktion unserer eigenen Identität. Nicht ohne Grund hat jedes Dorf ein Dorf- oder Heimatmuseum. Demnach gibt es einerseits die Geschichtslosigkeit der modernen Kultur, insofern sie sich konstruktiv eher auf die Zukunft als auf die Vergangenheit bezieht, andererseits diese unglaublich hypertrophe Geschichtskultur mit Tausenden Heimatmuseen in Deutschland.

Worauf ich hinaus will, ist die totale Entwertung der Geschichte als Ressource für das tatsächliche Leben – mit Ausnahme ihrer Funktion als Orientierungswissen. Das wäre in dem Sinne ein "Lernen aus der Geschichte", dass man ein bisschen kritischer mit der Welt umgeht, aber nicht in dem Sinne, wie man es früher gemeint hat. Die Kehrseite der Medaille stellt dann die Sakralisierung und Auratisierung historischer Objekte dar.

[6] Für Nietzsche ist das Vergessen eine wichtige menschliche Tätigkeit, die unter Umständen sogar das Überleben sichern kann. Auch in der Gegenwart wird vieles verdrängt und dann vergessen. Im Erinnerungsprozess gibt es dagegen einen Hang zur Verklärung, wie im Fall der DDR-Vergangenheit. Ist Nietzsche da nicht doch in unserer Zeit gelandet mit dem 'Vergessen' und dem 'Bewahren können'?

  1. Friedrich Nietzsche formulierte in seiner Schrift drei unterschiedliche Arten der Historie: Die monumentalische veranlasst den Menschen zu kreativen, schöpferischen Taten, wohingegen die antiquarische ihn zum Erinnern und Bewahren von Phänomenen verhilft. Der Typus der kritischen Historie überprüft und bereinigt die Erinnerungen einer Gruppe und dient somit als Korrektiv der anderen beiden Funktionen.

Man kann nur leben, wenn man auch in der Lage ist, bestimmte Dinge zu vergessen. Laut Nietzsche ist eine legitime Verwendungsweise von Geschichte eben auch die Verklärung des Vergangenen. Die Aufgabe des professionellen Historikers wäre dann eher, zu sagen: "Aber ganz so einfach ist es jetzt nicht." Ich glaube, dass dieser kritische Typus von Historie,2 den Nietzsche aufführt, wahrscheinlich am ehesten das ist, was wir für uns selbst als sinnvoll erachten würden. Ein jüngeres Beispiel ist natürlich die ausufernde Methodendiskussion über Gedächtnis und Geschichte, das kollektive Gedächtnis im Sinne Jan Assmanns. Das zeigt, dass wir im Grunde nach wie vor in einer ambivalenten Situation feststecken: zwischen professionalisierter, kritischer Geschichtswissenschaft und dem natürlich legitimen gesellschaftlichen Anspruch, sich selbst ein Gedächtnis zu geben, bestimmte Dinge zu vergessen, andere Dinge zu heroisieren und sich damit eine Gruppenidentität zu geben. Ich würde da der Geschichtswissenschaft im Zweifelsfall eher die Spielverderber-Funktion zuteilen. Man wird merkwürdigerweise von dieser Gesellschaft bezahlt, entweder Dinge zu machen, die keinen unmittelbaren Nutzen haben, oder – wenn die Gesellschaft dabei ist, sich selbst historische Wurzeln zuzuschreiben – zu sagen: "Das ist aber alles viel komplizierter."

"Die Geschichtswissenschaft hat in der Gesellschaft meistens die Spielverderber-Funktion."

[7] Wie definieren Sie dann den Nutzen der Geschichte für Ihre Person?

Naja, ich verdiene damit mein Geld… (lacht). Geschichte ist einfach interessant. Ich verstehe die Gegenwart nicht unbedingt besser, doch ich vermag ihr eine historische Tiefendimension zu geben. Der Blick auf die Welt wird interessanter, wenn er auf historischen Kenntnissen basiert. Das ist weit mehr als eine Oberflächen-Dimension; man sieht etwas dahinter, kann sich bestimmte Dinge erklären. Gesellschaften sind gut beraten, sich diesen Luxus der historischen Forschung zu leisten, mag er auch erst einmal zweckfrei erscheinen. Gesellschaften als Ganze werden damit klüger. Das heißt aber nicht, dass sich jeder zwingend mit Geschichte beschäftigen soll. Ich will aber auch niemanden daran hindern, sich, auf welcher Ebene auch immer, mit Geschichte zu beschäftigen.

[8] Schiller zeichnete einst zwei Typen von Geisteswissenschaftlern. Zum einen den philosophischen Kopf, der die Wahrheit sucht, zum anderen den Brotgelehrten, der nach finanziellem Ruhm und Anerkennung heischt. Ist der Historiker der Gegenwart nicht eher ein Brotgelehrter?

  1. Der Soziologe Max Weber diskutierte 1922 die Vor- und Nachteile der Wissenschaftslaufbahn und den Wert der Wissenschaften. Damit prägte er ganze Generationen von Geisteswissenschaftlern.

Wir sind alle Brotgelehrte, die gerne auch philosophische Köpfe wären. Das ist genau das Problem einer Bildungs- und Universitätslandschaft, die in sehr hohem Maße – ich will nicht sagen fabrikhaft – aber doch als Betrieb organisiert ist. Wissenschaft als Beruf, um diesen Max Weber-Titel3 zu nennen, impliziert eben auch, dass es eine Berufsarbeit ist, mit allen Vor- und Nachteilen. Es handelt sich um eine Spezialisierung, die uns einige Dinge abverlangt, die wir uns nicht ausgesucht hätten, die wir aber machen müssen, weil sie zum Beruf dazugehören. Das heißt aber nicht, dass er nicht auch im hohen Maße Freiräume zur Selbstverwirklichung bietet. Es wäre allerdings eine große Lüge zu sagen, unsere Arbeit sei nicht auch eng mit der Jagd nach Anerkennung verknüpft. Fest steht jedoch, dass die zunehmende Organisation der Wissenschaft als arbeitsteiliger interdisziplinärer Betrieb das Ideal, das Schiller für den philosophischen Kopf vorschwebte, immer mehr an den Rand gedrängt hat. Das heißt nun nicht zwangsläufig, dass wir alle dieser Karikatur des Brotgelehrten entsprächen, die Schiller da zeichnet. Diese Gegenüberstellung wäre viel zu einfach. Dennoch bleibt das Problem für mich und meine Kollegen bestehen: Einerseits hat man sich den Anforderungen des Betriebs zu stellen, andererseits wünscht man sich aber auch eine relativ zweckfreie und auch nicht karriereorientierte Beschäftigung, vielleicht sogar eine Art Wahrheitssuche, ohne immer gleich drauf zu schielen, was es einem im Rahmen von Anerkennung, Geld und Stellen bringt.

[9] "Wahrheitssuche" klingt sehr idealistisch. Dabei ist "Wahrheit" ja nicht unbedingt ein klar definierter Begriff. Wie gehen Sie mit diesem problematischen Begriff um?

Die Ursache des Problems liegt in seiner Geschichte: Die Philosophie des 19. Jahrhunderts hat aus dem Wahrheitsbegriff einen idealistischen Begriff gemacht. Mir scheint, dass die Diskussion um Konstruktivismus und Postmoderne uns ein bisschen zu viel Angst macht, Begriffe wie Wahrheit zu verwenden. Ich würde den Begriff viel niedriger hängen. Im Grunde ist die Frage nach der Wahrheit nämlich viel einfacher: Wahrheit ist etwas, ohne dass wir nicht sprechen können. Wir arbeiten ohnehin permanent mit der Vorstellung einer objektiven Wahrheit. Wir kritisieren und hinterfragen diese natürlich auch und argumentieren, dass es in Wirklichkeit nur Perspektivität gibt. Das widerspricht sich auch gar nicht. Aber wir alle sind der Meinung, wenn wir bestimmte Aussagen tätigen – zum Beispiel, dass Sie jetzt hier in meinem Büro mit mir sitzen –, dass wir einen wahren Satz formulieren, der eine objektive Wahrheit beschreibt, ohne dass wir diese konkret beweisen könnten. Insofern würde ich den Anspruch, den man an den Begriff der Wahrheit stellt, niedriger hängen. Allerdings spielt der Begriff für meine praktische Arbeit keine besonders große Rolle. Ich gehe einfach davon aus, dass das Ergebnis dessen, was ich tue, schlicht das Schreiben von wahren Sätzen ist.

"Im Grunde ist die Frage nach der Wahrheit viel einfacher."

[10] Die Geschichtstheorie unserer Zeit reflektiert ihren Gegenstand in hohem Maße, ohne zu einem Endergebnis zu kommen. Einzelne Autoren postulieren, dass wir nicht einmal den Begriff Geschichte selbst genau definieren können. Entsteht hier nicht die Gefahr, dass sich das Fach Geschichte mit endloser Selbstreflektion aufhält, sich sogar selbst lähmt?

Lähmen – das ist natürlich eine sehr Nietzscheanische Perspektive. Wenn ich mich ganz praktisch hier im Historischen Seminar in Münster umsehe, habe ich nicht das Gefühl, dass es eine postmoderne, skeptizistische Übermacht von Kollegen gäbe, die die ganze Zeit darüber reflektieren, wie unsinnig es ist, was sie tun. Ich würde das auch nicht tun. Es ist sinnvoll darüber nachzudenken, ob und welchen Nutzen Geschichte eigentlich für einen selbst oder die Gesellschaft hat und wie mittelbar oder unmittelbar dieser Nutzen ist. Aber unweigerlich steht fest, und das impliziert Ihre Frage ja auch, dass die Art und Weise, in der wir heute geschichtstheoretisch über Geschichte nachdenken, sehr viel komplexer und komplizierter ist als die alte historia magistra vitae-Idee. Und diese Komplexität kann in seltenen Fällen dazu führen, dass innerhalb der Geschichtswissenschaft Lähmungserscheinungen auftreten. Für viel problematischer halte ich jedoch Historiker, die sich innerhalb ihres ganzen akademischen Lebens allein mit Geschichtstheorie befassen. Zweifelsohne ist Geschichtstheorie von extremer Wichtigkeit, doch mir scheint, die besten geschichtstheoretischen Reflexionen kommen von Historikern, die auch ganz praktisch als Historiker arbeiten, eben beides machen. Daher denke ich, dass wir nicht unmittelbar Gefahr laufen, uns in unserem Tun zu lähmen. Mich zumindest lähmt das Reflektieren darüber nicht.

[11] In Ihrer Dissertation nehmen Sie die Geschichtsschreibung des konfessionellen Zeitalters in den Blick und untersuchen unter anderem, inwieweit hierin eine lutherische Identität zu finden ist. Welche Eigenschaften muss ein Themengebiet für Sie haben, damit es zur Forschungsfrage wird?

Es gibt natürlich immer eine Reihe von inhaltlichen Interessen. Die können aus einem biografischen Zugang herrühren oder einer Nachvollziehbarkeit – müssen sie aber nicht. Sie und ich interessieren uns ja für Sachen, die mit uns eigentlich erst einmal nichts oder nur sehr vage zu tun haben. Gerade das ist das Interessante: Dinge werden manchmal dann interessant, wenn sie uns fremd sind. Bei mir hat sich diese Anbindung an das Luthertum als starker biografischer Bezug so ein bisschen ex post ergeben. Es hätte aber auch etwas völlig anderes sein können. Im Moment schreibe ich über Spionage im frühen 18. Jahrhundert, da kann ich beim besten Willen keinen biografischen Bezug ausmachen. Im Kontext meiner Dissertation spielte aber eine bedeutende Rolle, dass ich mich mit Geschichtsschreibern und Intellektuellen beschäftigt habe. Das sind Personen, von denen ich denke, dass ich mich in sie hineinversetzen, in irgendeine Art und Weise über sie nachdenken, sie verstehen kann. Mich dagegen mit Königen zu beschäftigen, finde ich schwerer. Denn ich bin kein König und kein Diplomat. Ich bin zwar auch kein Geschichtsschreiber des 16. Jahrhunderts, aber ich hatte doch immer das Gefühl, dass deren Art der Beschäftigung mit Vergangenheit sich mir irgendwie leichter erschließt. Allerdings ist diese Art von vorwissenschaftlicher Identifikation – im Sinne von "sich hineinversetzen" – ja bekanntermaßen problematisch. Dennoch: als vorwissenschaftliches Motiv, sich mit einem Thema zu beschäftigen, spielt es schon eine Rolle.

[12] Der Nicht-Historiker hat wahrscheinlich keinen derartigen Zugang zu einem so speziellen Thema. Er sieht keinen unmittelbaren Nutzen. Wir werden dann schnell mit der Frage konfrontiert, wozu wir diese Gebiete überhaupt erforschen.

Sie sprechen da ein Grundproblem der Wissenschaft an. Angesichts der heutigen gesellschaftlichen Ausdifferenzierung ist Forschung immer per se Spezialforschung. Das heißt: Sie wird nur von wenigen verstanden. Es ist jedoch legitim, sich mit Spezialproblemen zu beschäftigen, die sich in einen größeren Rahmen einfügen, aus dem sich wiederum irgendwann eine Gesamtdeutung ergibt – meinetwegen des konfessionellen Zeitalters, der Frühen Neuzeit oder der Was-auch-immer. Sodass diese in einem zweiten Schritt über Buch-Synthesen oder Ausstellungen präsentiert werden können. Als professioneller Historiker innerhalb der Universität muss diese Spezialisierung jedoch kein Problem darstellen. Es wäre wahrscheinlich sogar schädlich, wenn ich die ganze Zeit darüber nachdenken würde, wie ich das, was ich jetzt tue, medialisieren und popularisieren kann. Es ist die oberste Maxime, erst einmal gut zu forschen und sich ansonsten für die Frage der Vermittlung zunächst nicht zu interessieren. Wir kommen aus dem Problem nicht raus, dass wir in erster Linie für unsere Kollegen schreiben. Das ist natürlich ein Luxus, doch im Ganzen betrachtet eben auch sinnvoller Luxus, den sich die moderne Gesellschaft leistet: sich sozusagen von professionellen Historikern kritisieren und über verschiedenste Aspekte der Vergangenheit informieren zu lassen. Doch diese Konstellation lässt sich letztlich nicht auf den einzelnen Historiker herunterbrechen. Der einzelne Historiker muss Spezialforschung machen, die sich nicht 1:1 irgendeinem Nutzen-Kalkül fügt.

"Der Historiker ist für die Gesellschaft ein Luxus – aber ein sinnvoller Luxus."

[13] Wir bleiben noch mal bei dem Nicht-Historiker, der von historischen Spezialgebieten wenig bis gar nichts weiß. Auf der anderen Seite sind ihm Daten wie der 9. November – Mauerfall, Reichspogromnacht, Ausrufung der Weimarer Republik – aus der medialen Präsentation bekannt. Allein dieses Datum erzeugt eine ungemeine Fülle von Geschichte in seinem Bewusstsein. Führt das nicht zu einer Überladung mit, Übersättigung an Geschichte? Gerade die omnipräsente Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus entwickelt sich zu einem Reizthema.

Das finde ich eigentlich unproblematisch. Wir haben ein relativ klares historisches Bild und in unserer politischen Kultur eine – auch nicht in jeder Hinsicht unproblematische – sehr eindeutige Position dazu. Innerhalb unserer liberalen Gesellschaft muss es möglich sein, Leute zu akzeptieren, die sagen: "Interessiert mich einfach nicht." Ich kann dem sogar etwas Positives abgewinnen, wenn die Leute von der Nazizeit genervt sind und stattdessen in Frühe Neuzeit-Ausstellungen gehen oder sich mit dem Mittelalter beschäftigen. Diese öffentliche Fokussierung auf das 20. Jahrhundert, die ich natürlich auch politisch für extrem wichtig halte, führt aber eben auch dazu, dass wir eine Reduktion von Geschichte auf die jüngere Zeitgeschichte haben. Ein Nutzen der Geschichte besteht vielleicht darin, uns vor Augen zu führen, dass es auch alles ganz anders sein könnte. Und zwar alles. Die Art und Weise, wie man denkt, lebt, isst, sich anzieht, Krieg führt und diese Kriege legitimiert, welche Werte man kultiviert, was man glaubt und so weiter. Klar, das ist kein unmittelbarer Nutzen, aus dem sich Kapital schlagen lässt, aber einer, der auf die angesprochene Tiefendimension abzielt: Dass man ein bisschen reflektierter mit den Dingen umgeht, mit denen man täglich zu tun hat. Und ich glaube, dass es deswegen nützlich ist, wenn man sich auch mal mit der Römischen Republik, dem Mittelalter oder der Frühen Neuzeit beschäftigt, um diese Varianten von Andersheit zu sehen.

Die Fragen stellten Friederike Scholten und Frank Schlegel. Das Interview entstand im Rahmen der Übung "Der Historiker im Interview" im Wintersemester 2011/12 an der WWU Münster. Während der Übung wurden zunächst Interviewtechniken miteinander erarbeitet, ehe im Anschluss an das Interview die verschiedenen redaktionellen Überarbeitungsschritte in Form einer "Redaktionskonferenz" gemeinsam begangen wurden.